"Wir können die vollständige Verhüllung von Frauen in der Öffentlichkeit mit einer Burka, die nur einen Sehschlitz offen lässt, nicht tolerieren", hatte Darbellay gesagt. Damit kratzte Politiker an der Religionsfreiheit, meinten Kritiker. Jawohl, ein Burka- Verbot ist zwecklos. Was soll's! Bis auf einen Augenschlitz verschleierte Frauen sieht man hierzulande extrem selten. Warum also verbieten? Und Saudiarabien oder die Taliban erreichen unsere Bedenken gegenüber der Burka sowieso nicht. Aber: Über die Burka darf auch kein Tabu verhängt werden. Denn eine Burka ist auch ein Bekenntnis, ein ethnisches oder auch ein religiöses Bekenntnis. Und es riecht nach theokratischen Auffassungen, wenn liberalen Zeitgenossen eine Schweigepflicht in Sachen Burka und Co. verpasst werden sollte! Wir werden wohl prüfen dürfen, wie sich religiöse Traditionen mit den Errungenschaften unserer modernen Zivilisation vertragen. Gewisse religiöse Traditionen transportieren reaktionäre Vorstellungen über den Menschen. Sie geben beispielsweise dem Patriarchat oder der Sippe oder Religionswächtern absoluten Vorrang vor der Selbstbestimmung der menschlichen Person. Sie missachten das Recht des Menschen auf demokratische Teilnahme an Rechtssprechung und Ethik. Entsprechend kultivieren sie Sonderrechte in Sachen Ehe, Sexualität, Familie, Bildung ... Die Frage ist natürlich, wie weit die religiöse Freiheit Toleranz für religiöses Traditionen einfordert. Im Prinzip sind moderne Zivilgesellschaft und theokratische Ordnungen in der Tat unverträglich. Die religiöse Toleranz stösst dort an Grenzen, wo religiöse Gemeinschaften durch Berufung auf den Willen Gottes Partizipation und Demokratie unterlaufen und Minderheiten wie Homosexuelle, Frauen, Zigeuner diskriminieren. Wir können bei aller interkulturellen Verständigung nicht akzeptieren, dass Zwangsheirat, Steinigung, Verstümmelung und gar Todesstrafe einem Willen Gottes entsprechen sollten. Anders verhält es sich beim Respekt vor traditionellen Verhaltens-Regeln religiöser Gemeinschaften. Als liberale Zeitgenossen können wir beispielsweise, wenn auch nicht unkritisch, tolerieren, dass orthodoxe Juden koscher essen, auch wenn wir die biblische Unterscheidung von "reinen" und "unreinen" Speisen für überholt, ja für grotesk halten. Mit der Burka verhält es sich anders.
Womöglich verbirgt sich unter einer Burka eine Frau, die ihr Recht auf Bildung, auf Partizipation, auf Selbstbestimmung einfordern könnte und sogar möchte. Sie darf es aber nicht. Sie darf ihr Gesicht nicht zeigen. Sie darf nicht Auge in Auge mit uns kommunizieren. Sie kann es nicht.
Die Burka verhindert es. Religiöse Ächtung droht. Die Frau unter der Burka ist eben auf unsere Solidarität angewiesen. Die Burka im Namen der Religionsfreiheit tolerieren, bedeutet, den Betroffenen das Recht vorenthalten, ihr Gesicht zu zeigen. Als ob sie keine Menschen! Menschen erkennt man an ihrem Gesicht. Menschen kommunizieren über ihr Gesicht. Fritz P. Schaller
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