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Drei Götter -ein Gott

Zu einer Publikationvon Herbert Vorgrimler*

Unser Problem mit „Gott" beginnt schon bei der Sprache: Was meint denn die Redeweise „Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist"? Christen sollten es wissen, denn die Dreieinigkeit ist ja das Besondere am christlichen Gottesbild. Jedoch:

Von Fritz P. Schaller

Soll einer einem Muslim oder einem Juden erklären, dass drei Personen in Gott nicht drei Götter sind. Und dass wir Maria „Gottesmutter" nennen, aber nicht als Muttergöttin verehren. Kann man erklären, was man selber nicht versteht? Und darf man sich so einfach auf „Glauben" berufen, um all die Widersprüche und Unverständlichkeiten der Rede über „Gott" zu meiden?

Jetzt hat der deutsche Dogmatiker Herbert Vorgrimler, geboren 1929, zu diesem unerschöpflichen Thema ein nur 128-Seiten umfassendes, aber dichtes, starkes und informatives Taschenbuch geschrieben („Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist". Aschendorf Verlag). Vorgrimler betreibt theologische Aufklärung, ohne zu dozieren. Er behandelt das Thema behutsam, meditativ, bewusst seiner Bedeutung.

Die drei Masken Gottes

„Gott" sei ein Wesen oder eine Natur in drei „Personen", lehren die Glaubensbekenntnisse seit dem Konzil von Nicaea im Jahr 325. Das ist ziemlich bekannt. Woher aber der Person-Begriff in die Dreieinigkeit kam, das legt Vorgrimmler dar. Der einflussreiche römische Schriftsteller Tertullian habe ihn in die christliche Lehre eingeführt. Tertullian war der Wegbereiter der lateinischen Kirchensprache. Er entlehnte die Metapher „Person" vom Theater von Carthago, wo die Schauspieler Masken vor ihr Gesicht hielten, je nach Rolle, die ihnen zukamen. Er verstand die Trinität als drei „Masken", drei „Rollen" eines einzigen „Schauspielers", also Gottes.

So allerdings verstehen wir heute den Gott in drei „Personen" nicht. Der moderne Personenbegriff bezeichnet ein selbstbewusstes, autonomes Ich. Auf „Gott" übertragen, verleitet der Personbegriff zur Vorstellung, dass es in Gott drei verschiedene Selbstbewusstsein geben müsse, je eines von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Zahlreiche dogmatische Spekulationen haben sich schon in den Personbegriff verstrickt und folgerichtig die inneren Beziehungs-Dramen beschrieben, die sich daraus ergeben müssen, etwa Hans Urs von Balthasar oder auch Jürgen Moltmann.

Drei unterschiedene „Selbstbewusstsein" in Gott wären aber nichts anderes als drei Götter. Darauf haben schon die Theologen Karl Barth und Karl Rahner hingewiesen, beide herausragende Theologen im vergangenen Jahrhundert. Statt von drei Personen in Gott sprach der reformierte Barth lieber von drei Seinsweisen und der katholische Rahner von Gegebenheitsweisen „Gottes".

Die Sohnschaft von Jesus

Vollends in Verstrickung philosophischer Spekulation gerät, wer die Gottes-Sohnschaft von Jesus mit dem „Ewigen Wort", dem Logos des Johannes-Evangeliums gleichsetzt. Jesus hat seine „Sohnschaft" zum Vater als eine innige, persönliche Beziehung zum Vater-Gott verstanden, keineswegs als Gottgleichheit. Das wäre für einen frommen Jude völlig absurd gewesen. Vorgrimler zeigt eindrücklich, wie Jesus selbst geglaubt hat. Als ein Schriftgelehrter Jesus fragte, was das erste Gebot sei, zitiert Jesus das „Schema Israel", das Glaubensbekenntnis Israels, Deuteronomium 6,4-9. „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einziger …" Im Neuen Testament findet sich nicht geringste Spur, dass sich Jesus selbst als zweite Person in Gott verstanden hätte.

Schon Karl Rahner hätte gewünscht, dass die Rede von der „Sohnschaft" gemäss dem biblischen Verständnis für Jesus reserviert würde und nicht zugleich auf das metaphysische „ewige Wort", den Logos des Johannes-Evangeliums, angewandt würde. Diese Unterscheidung wäre dem Selbstverständnis von Jesus angemessen und würde die Konfusion vermeiden. Folge wäre beispielsweise, dass die Taufformel geändert würde in „Im Namen des Vaters, des Wortes und des Heiligen Geistes."

„Dürften Christen anders glauben als Jesus?" fragt Vorgrimler. Wer darf wen korrigieren, präzisieren, zurecht rücken? Die kirchlichen Glaubensdefinitionen den Glauben von Jesus oder umgekehrt, der Glaube von Jesus die kirchlichen Glaubensbekenntnisse. Die Antwort Vorgrimlers: Der Glaube Jesu muss das Korrektiv des christlichen Glaubens sein.

Einwohnung statt Menschwerdung

Selbstverständlich leugnet Herbert Vorgrimler die „Menschwerdung" Gottes in Jesus von Nazareth nicht, er vertieft sie vielmehr. Er sieht sie anders als eine konservative Dogmatik sie erklären möchte. „Das bessere Modell für ‚Menschwerdung’ Gottes ist die Einwohnung des göttlichen Wortes, des Logos, im Menschen Jesus von Nazareth", schreibt Vorgrimler.

Das erscheint denn auch als eine taugliche Grundlage für einen echten theologischen Dialog mit Juden und Muslimen. Diese Basis macht glaubwürdiger, dass alle drei monotheistischen Religionen tatsächlich vom Gleichen reden, wenn sie den Namen „Gott" aussprechen und anrufen.

Für manche Richtungen christlicher Spiritualität allerdings verlangt das neue Reden von „Gott" massive Korrekturen.

Beispielsweise ist es nicht mehr möglich zu denken, Gott-Vater habe seine zweite Person „geopfert", um die Menschheit zu „erlösen".

Es ist nicht mehr möglich, dem berühmten mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury zu folgen, der wegen der Unendlichkeit des beleidigten Gottes eine im Prinzip unendliche Bestrafung des sündigen Menschen gerechtfertigt hat. Eine auf der ungeheuerlichen Beleidigung Gottes statt auf seiner All-Barmherzigkeit aufgebaute Spiritualität, hat sich in der Geschichte als Quelle hoch neurotischer und masochistischer Spiritualitäten erwiesen.

Es ist nicht mehr möglich, Jesus Christus die Eigenschaften des Ewigen Gottes zuzuschreiben, so als wäre er schon bei der Schöpfung dabei gewesen. Theologische Redlichkeit verlangt Unterscheidung.

Ein grosses Problem ist allerdings, wie das neue, gereinigte Reden von „Gott" bis an die kirchliche Basis durchsickern könnte. Wer gelegentlich einen Gottesdienst besucht, oder Predigten hört, oder Liturgien beiwohnt, oder die Liedtexte analysiert, müsste eigentlich resignieren vor der gewaltigen Aufgabe. Er wird bemerken, dass der kirchliche Betrieb durch und durch imprägniert ist von Gefühlslagen, Sprachmustern, Vorstellungen und Spiritualitäten, die theologisch redlich nicht vertretbar sind.

Herbert Vorgrimler leistet eine verständliche und wichtige Klärung. Er war ein Schüler des bedeutenden Karl Rahner. Als Nachfolger von Rahner war er von 1972-1994 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster. In seinem Text über „Gott" beruft er sich mehrfach auf Rahner. So kommt es, dass sein brisanter Text keineswegs destruktiv verstanden werden kann, sondern konstruktiv als Plädoyer für eine geläuterte neue Rede über Gott und Jesus.

 

* Referenz: Herbert Vorgrimler: Gott. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Aschendorff, Münster, 2005.


Siehe auch "Gottes Gen"

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Hand berührt Mammuth

Bild aus der Grotte Chauvet, Südfrankreich, rund 30 000 Jahre alt - ein frühes Gespür für Transzendenz.

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Bild von Ferdinand Gehr - das Göttliche,
Ansicht eines Unsichtbaren.