Gottes-Gen Das Unwort des Jahres „Gott“ geistert heutzutage in den verschiedensten Welten herum. Als Wort, als Begriff, als Name flattern Gottes-Vorstellungen wie Schmetterlinge über die buntesten Wiesen, neuerdings sogar in den Couloirs mikrobiologischer Labors. Schwierig einzufangen. Von Fritz P. Schaller „Gott“ beflügelt Mikrobiologen und Astronomen. Ob als „Gottes-Gen“ oder „Kosmische Weisheit“ entsteigt „Gott“ einem Phoenix gleich aus genetischen oder interstellaren Datensätzen. Sollte Gott in der Chemie der Nukleinsäure DNA ertappt werden können, nachdem wir es aufgaben, ihn im Kosmos zu verorten? In esoterischen Welten flattern „50 Engel für das Jahr“ herum. Und Feministinnen schwärmen von der „Göttin ohne Gott“. Als „Kleine Bet-Lektüre“ empfiehlt sich „Gott“ gegen Schlaflosigkeit, sofern die Tiefenpsychologen den „Unbewussten Gott“ nicht schon in den Träumen ausgemacht haben. Religionsphilosophen ergründen die „Wirklichkeit des Möglichen“ überhaupt, und Historiker schreiben die „Geschichte Gottes“. Philologische und theologische Wort-Gottes-Spezialisten rücken „Unsere Rede von Gott“ ins rechte Licht. Selbst Meinungsforscher und Soziologen werfen ihre Schmetterlingsnetze nach „Gott“ aus und ergründen, wie viele Gottgläubige es in Europa noch gibt. So wäre „Gott“ am Ende in eine Prozentzahl überführbar? Jeder könnte noch sehr viel mehr Buchtitel zum Thema „Gott“ finden. Im Unterschied zu den meisten Titeln interessiert mich die Frage: welche emotionalen und kognitiven Muster sind hinter den schillernden Gottesreden wirksam? Die Frage steht gewissermassen auf einer Metaebene. Als Frage über den Fragen. Wie kommen wir auf „Gott“, oder wäre unser göttliches Gerede (nach Kohelet) „eitel und ein Haschen nach Wind“? Der schönste Name Gottes sei „Brot“ Im Islam gibt es eine alte Tradition, wonach Gott 100 Namen hat, aber nur 99 dem Menschen bekannt sind. Der 100ste Namen, der schönste von allen, bleibt dem Geheimnis Gottes selbst vorbehalten. Viele Mystiker versuchten das Geheimnis des schönsten Namens zu ergründen. Vom bedeutenden Tübinger Orientalisten Josef van Ess entlehne folgende kleine muslimische Legende: „Jemand wird gefragt, welches der allerhöchste Namen Gottes sei. Er antwortet: ‚Brot’. Der Frager ist entsetzt über diese Antwort, doch der andere erklärt: Ich war in Nesapur zur Zeit der Hungersnot. Vierzig Tage und vierzig Nächte habe ich hungrig in der Stadt zugebracht. Nirgends hörte man den Ruf zum Gebet, keine Moschee stand offen. (Wohl aber – so muss man wohl ergänzen – schrieen die Menschen beständig nach Brot). Seitdem weiss ich, dass der höchste Name Gottes ‚Brot’ ist.“ Christen könnten anhand dieser islamischen Legende wohl tiefgründig über die Beziehung von Namen Gottes und Abendmahl meditieren und vielleicht ein Stück von der Bescheidenheit der muslimischen Namens-Theologie abschneiden. In seinem weltweit vermarkteten Buch „Gottes-Gen" (Kösel-Verlag) berichtet der amerikanische Mikrobiologe Dean Hamer über Forschungsergebnisse zur Spiritualität. Hamer sagt, der Hirnbotenstoff Monoamid wirke im Hirn als Ursache für spirituelle Erfahrungen. Monoamine sind sehr kleine hirnaktive Moleküle, wie etwa Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin oder Serotonin. Hamer leitet aus seiner Forschung eine Kausalkette ab, die bei einem Gen namens VMAT2 beginnt und in Spiritualität mündet. Nach Hamer wären jene Menschen spiritueller und gläubiger, die genetisch bedingt mehr Monamine produzieren. Glauben und Unglauben wären somit eine Angelegenheit der individuellen genetischen Konstellation. Bei monotheistischen Gläubigen würde der Gen-Code für Monoamin die Signatur Gottes bedeuten. Hamers fundamentaler Denkfehler Genauer betrachtet, begeht Hamer allerdings einen fundamentalen Denkfehler. Für die kritische Vernunft können Gene nicht als handlungsfähige zielstrebige Subjekte betrachtet werden. Gene sind biochemische Produktionsmaschinen von Aminosäuren, und die Verkettung von Amiosäuren produziert Proteine. Nicht mehr und nicht weniger. Und die Gesamtheit der Gene, das menschliche Genom, schafft die Bedingungen, unter denen ein menschlicher Organismus aufgebaut werden kann. Das ist schon des „Wunders“ genug! Es ist sinnlos, hier den Gottesbegriff einzuführen. Dean Hamer verwechselt Fähigkeit und Inhalt. Denken wir an das Beispiel unserer Sprache. Sprechen setzt einen Sprechapparat voraus, und darüber hinaus Regionen unseren Hirnen, die verschiedene phonetische und grammatische Muster zu einem sinnvollen Ausdruck zusammensetzen. Aber: Unsere biologische Fähigkeit zu sprechen, entscheidet noch lange nicht darüber, ob und wie wir Sprache nutzen. Genauso wenig nimmt unsere Fähigkeit zu Spiritualität, was immer das sei, keineswegs vorweg, ob und wie wir sie alltäglich, künstlerisch, philosophisch oder religiös ausleben. Es bestehen wohl Zusammenhänge, aber keine zwingenden Kausalketten zwischen Genen und kulturellen Inhalten wie Glauben, Spiritualität oder Intelligenz, Freiheit, Kunst, Ethik oder Gottesvorstellungen. Darum wird die kritische Vernunft ein Veto gegen die Kopplung der Begriffe „Gott“ und „Gen“ einlegen müssen. Sie ist nichts als ein Haschen nach Wind. Wir könnten das „Gottes-Gen“ getrost zum Unwort des Jahres anmelden. Der Bluff von der „Macht der Gene“ Dean Hamers biologistische Interpretation der Religion ist kein Sonderfall. Eine ganze Reihe prominenter Wissenschaftler denkt und argumentiert in gleicher Weise. Schon vor Jahrzehnten hat der Franzose Jacques Monod in seinem Bestseller „Zufall und Notwendigkeit“ einen chemischen Atheismus propagiert, aufgebaut auf den Naturgesetzen der Chemie. Der heute wohl militanteste Wortführer und bekennende Atheist dieser Richtung ist der Engländer Richard Dawkins mit seinen bezeichnenden Titeln „Der blinde Uhrmacher“ und „Das egoistische Gen.“ Die Amerikaner Andrew Newberg und Eugene d’Aquili haben mit bildgebenden Verfahren neurologische Konstellationen entdeckt, die zeigen, „wie Glaube im Hirn entsteht“. Die unverfrorensten von allen, die Sozialdarwinisten, schliesslich folgern aus dem Subjektcharakter der Gene, das Leben sei nichts anderes, als ein gnadenloser Kampf der gesündesten, cleversten, stärksten Gene gegen ihre weniger begabte Konkurrenz. Was übrigens wissenschaftlich schon längst widerlegt ist. Kooperation ist mindestens ebenso potentes Instrument der Evolution wie Wettbewerb, Neokapitalismus hin oder her! Gemeinsam ist diesen Wissenschaftlern, dass sie Selbstbewusstsein, Ich, menschliches Subjekt, Freiheit, Verantwortung, Kooperation und natürlich auch Glauben als Illusionen genetischer Konstellationen vorstellen. Unser Organismus würde Geistiges nur halluzinieren. Halluzinationen seien in der Evolution wichtig, weil sie Vorteile im gnadenlosen Kampf um das Überleben der Arten verschaffen würden. Gene wären demnach nicht an Individuen, geschweige denn Personen „interessiert“. Alles was zählt, ist das Überleben und die Fortpflanzung der Gene, der Art, der Rasse, der Reichen, der Nation. Heimliche Menschenverächter Nebenbei bemerkt: Der deutsche Psychoanalytiker Joachim Bauer zeigt in seinem „Prinzip Menschlichkeit“ eindrücklich, wie der biologistische Glauben an das „Überleben der Art“ im Zwanzigsten Jahrhundert reihenweise faschistische, sozialistische oder auch nationalistische Systeme hervor gebracht hat. Nie zuvor wurden so viele in den Krieg geschickt und geopfert, um der Grösse und Macht der Ideologien willen. Als gebrannte Kinder sollten wir denken, wohin Sozialdarwinismus führen kann: zu Rassenideologie, Faschismus, Chauvinismus, zur Shoa und nach Srebrenica. Man kann leicht zeigen, wie banal und unvernünftig und gefährlich solche biologistischen Erklärungen sind. Sie sind auch schlicht falsch. Leben gründet auf allen Stufen auf Kooperation, wie Bauer aufzeigt. Auch Gene wären nichts und wirkungslos ohne ihre organische Umwelt. Forscher bluffen schlicht und einfach, wenn sie Genen, Hormonen oder Organen wie Herz und Hirn Subjektcharakter unterstellen. Sie nehmen die metaphorische Sprechweise für realistisch. Eine vernünftige Weltinterpretation muss Denken, Planen, Entscheiden, Handeln aber dort ansetzen, wo es ein Subjekt mit entsprechenden Fähigkeiten gibt. Und das ist, soweit wir sehen, der Mensch als Ich-bewusstes Wesen, beziehungsweise die Menschheit als Gemeinschaft vernunft- und kooperationsfähiger Personen. Von einem Subjekt zu reden, das in Beziehung zu einem Objekt treten kann, ist erst dort sinnvoll, wo die Voraussetzungen gegeben sind: Auf der Ebene des Bewusstseins seiner selbst. Der philosophische und theologische Diskurs über Gott und Mensch und Biologie ist kein naturwissenschaftlicher, er ist wesentlich ein kultureller.
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