| Plädoyer | Religiöses Bewusstsein | Zeitsplitter | Kirchensplitter | Fragen | Myblog | Quiz | Kirchenjazz |
Impressum: Autor der Website: Email: Adresse: |
Sie können diesen Artikel auch als PDF öffnen.Vor ein paar Jahren hat ein reformierter Pfarrer in unserer Regionalzeitung von einer Interkommunion berichtet, die er zusammen mit seinem römisch-katholischen Kollegen im Militär gefeiert hat. Im Blick auf den Mut des Priesters zu einer verbotenen Handlung meinte der Pfarrer: «Viele meiner römisch-katholischen Kollegen denken im Grunde christkatholisch.»
Bei aller Ironie verrät die Bemerkung eine Verlegenheit. Wie soll man einen Geistlichen einordnen, der so unbekümmert um kirchliche Vorschriften handelt? Ist er ein Untreuer, ein Dissident, ein Usurpator, ein Wolf im Schafspelz, gar ein verkappter Protestant? Ich vertrat darauf in einem Leserbrief die Ansicht, Katholischsein sei eine kulturelle und biografische Qualität, die von ultraorthodox bis erzliberal sehr viele Varianten umfasse. Man könne Katholischsein doch nicht auf ein einziges Muster festlegen.
Ich weiss nicht, ob ich dies heute noch mit der gleichen Überzeugung behaupten könnte. Gerät doch liberales Katholischsein, zu dem ich mich zähle, zunehmend in die Defensive gegenüber einer oft aggressiv auftretenden Orthodoxie. In seinem Leitartikel «Der Auftrag zur Ökumene verpflichtet» in Nr. 25 vom 17. Juni 2004 (SKZ 172 [2004], 477f.) kommt Chefredaktor Rolf Weibel exakt auf die Frage konfessionskirchlicher Identität zu sprechen.
Weibel verweist auf den Verlust an Gehalt und Verbindlichkeit des christlichen Glaubens in unseren Volkskirchen und schreibt dann, es sei nur zu verständlich, wenn die Verwischung der Konfessionsgrenzen in den Konfessionskirchen die Befürchtung auslöse, die eigene Identität zu verlieren. Meine Frage ist, ob die Befürchtung nicht dem Traum nach einem uniformen Kirchenbild entspringt, der Idee eines eindeutigen, geschlossenen, unverkennbaren römisch-katholischen Profils. Ist es notwendig, möglich und wünschenswert, katholische Identität normativ so eindeutig zu bestimmen?
Verschiedene Kreise in der Kirche propagieren ein hartes orthodoxes Profil. Uneindeutigkeit ist ihnen zuwider. Man erkennt es beispielsweise an den Bestrebungen um einen neuen Katechismus. Man muss es aus der Art schliessen, wie die Schweizer Bischöfe die «schlimmen Missbräuche» bekämpfen wollen, die sich in die Liturgie eingeschlichen hätten. Man sieht es auch an der Geschäftigkeit und Kadenz, mit der vatikanische Ämter Instruktionen versenden.
Dass die katholische Wirklichkeit faktisch nicht in ein uniformes Schema passt, ist offensichtlich. Viele Katholiken, besonders auch in der Schweiz, denken volkskirchlich-horizontal, andere hierarchisch-vertikal. Einige pilgern nach Taizé, andere nach Lourdes. Immer mehr Katholiken suchen das Gemeinsame mit den Reformierten, immer weniger die Abgrenzung. Die religiöse Wirklichkeit besteht in sehr vielen Schattierungen zwischen ultraorthodox und erzliberal.
Hier nochmals die Frage: Ist das nicht gut so? Und besser so?
Denn: Gerät orthodoxe Eindeutigkeit nicht unweigerlich zur Ausgrenzung? Wartet am Ende der orthodoxen Gasse nicht unausweichlich der Fundamentalismus? Rolf Weibel unterscheidet ein dreifaches Profil:
«Konfessionelle Identität besagt genau genommen, christliche Identität in einer bestimmten Weise zu leben, innerhalb der Christenheit ein historisch, kulturell und lehrmässig ausgeprägtes Profil zu haben.»
Ich möchte dazu drei Assoziationen aus der Sicht eines frei schaffenden Theologen mit Kontakt zur Basis vortragen.
Meine Pfarrei Küsnacht-Erlenbach im Kanton Zürich hat im vergangenen Jahr ihren hundertsten Gründungstag gefeiert. Die grosse Mehrheit der Pfarreiangehörigen ist in den Jahrzehnten seither in die ehemals fast rein reformierte Gemeinde zugewandert. Ihre katholische Sozialisation hatten die Zuwanderer zumeist in den katholischen Stammlanden erhalten, Innerschweiz, Wallis, Sankt Gallen, Italien, Spanien, Portugal, Kroatien. Diese Migranten haben das heimische katholische Milieu samt dessen Besonderheiten wie Vereinswesen, konfessionelle Feiertage, Pfarrerzentriertheit, Marienfrömmigkeit, Prozessionen in die protestantische Diaspora exportiert und oftmals demonstrativ vorgelebt.
Die Italiener betreiben bis heute ihre eigene «missione cattolica». Aber diese katholische Identität der ersten Generationen der Migranten hat sich weitgehend überlebt. Die Kinder und Enkel der Zugewanderten, die kirchlichen «Secondos», teilen Schulbank, Freizeit, Kultur und ihre beruflichen Karrieren mit Menschen anderer Herkunft. Ihre kirchliche Sozialisation läuft im Strom der zivilen Sozialisation. Das «katholische Milieu» hat sich in der liberalen Gesellschaft aufgelöst. Die konfessionellen Schulen, die katholischen Internate, die Ordensgesellschaften und die Vereine existieren nur noch in Restbeständen. Der historische Backofen katholischen Wesens, das typische Milieu, ist erkaltet. Sollen wir das wirklich bedauern? Zum zweiten,
Ich gehöre mit meiner Familie selber zu den Migranten. Meine Kinder sind katholisch sozialisiert, bis und mit Firmung, freilich ziemlich einseitig. Was sie mitbekamen an katholischer Kultur, sind Gebräuche, Riten, Feiertage, aber sehr wenig Kenntnis und Einführung in die biblischen Grundlagen des Christlichen. In dieser Hinsicht scheinen mir ihre reformierten Schulkollegen besser ausgerüstet.
Die liberale Gesellschaft begünstigt in unseren christlichen Familien eine neue Diskurskultur. Sinn- und Lebensfragen, Probleme von Schuld und Sühne, von Gut und Bös sind Gegenstände des Gesprächs, der Auseinandersetzung. Wir formen uns unsere moralische, weltanschauliche Persönlichkeit in einem lebenslänglichen Prozess. Gehalt und Verbindlichkeit sind nicht konfessionskirchlich vorgegeben, sie werden erarbeitet, je nach Lebensalter und Situation. Insofern passen Kategorien wie «katholisch» oder «reformiert» nicht recht zur religiösen Wirklichkeit.
Ist konfessionskirchliche Verängstigung deswegen angebracht? Ich sehe es anders. Es entstehen neue Varianten katholisch-christlicher Identität, vielleicht ökumenisch-christliche, undogmatische, aber nicht weniger authentische? Das Bedürfnis nach Spiritualität hat das Bedürfnis nach Dogmatik ersetzt. Christliche bzw. religiöse Authentizität ersetzt konfessionskirchliche Identität. Kein Grund zur Aufregung!
Spätestens seit der päpstlichen Enzyklika «Humanae vitae» gegen künstliche Methoden der Empfängnis-Verhütung (1968) wissen wir, dass sich eine enorm breite Kluft zwischen normativen Setzungen und der Lebenswirklichkeit aufgetan hat. Eine autoritäre Orthodoxie hält die Entwicklung natürlich für katastrophal. Denn «Ein guter Katholik weiss, woran er sich zu halten hat!» So die Losung. Es steht ja in den päpstlichen Rundschreiben.
Die Wirklichkeit ist komplexer. Eine Gesellschaft, die allen ihren Bürgern die Chance zur Bildung, zur Mitsprache und zur Mitentscheidung anbietet, riskiert natürlich, dass etablierte Positionen hinterfragt werden. Religiöse Positionen bilden keine Ausnahme. Was die römisch-katholische Kirche betrifft, stechen die alten Fragen um Stellung der Frau und Zölibatspflicht ins Auge.
Von noch grösserer Tragweite scheint mir indes der Wandel im Verständnis der Sakramente. Die herkömmliche Sakramentenlehre ist auf ein problematisches scholastisches Lehrgebäude aufgebaut. Daher die Furcht, die Sakramente könnten zusammenbrechen, wenn das Lehrgerüst einbricht. Und mit den Sakramenten würde die Kirche zusammenbrechen.
Das Problem liegt nicht in den Sakramenten an sich, sondern im historisch-theologischen Kontext, den rechtgläubige Katholiken mit bekennen sollten. Die Eucharistie ist ein aktuelles Beispiel: Nach orthodoxer Auffassung glaubt ein Katholik nur dann rechtgläubig, wenn er das metaphysische Konstrukt der Transsubstanziationslehre mit bekennt. Und wenn er die Abendmahlsfeier ausschliesslich in Form einer von einem Priester zelebrierten Liturgie zulässt.
Demnach könnte nicht authentisch katholisch sein, wer Eucharistie bzw. Abendmahl als symbolhafte Vergegenwärtigung, als Erinnerungsmahl ansieht. Wer die Interkommunion auf Grund der Taufe als unbedenklich betrachtet, wäre nicht authentisch katholisch. Ein solch rigides Eucharistieverständnis führt geradewegs in eine ökumenische Sackgasse.
Die ökumenischen Gottesdienste bestehen in der Regel darin, dass Geistliche zweier Kirchen nebeneinander auftreten. In aller Freundlichkeit selbstverständlich. Als Smalltalk-Ökumeniker, etwa bei der Trauung eines Mischehenpaars oder am Bettag.
Aus der Addition von zwei Geistlichen ergibt sich freilich noch kein spiritueller Mehrwert. Wohl aber durch Interkommunion.
Denn Interkommunion sagt: Als Getaufte sind wir Gäste am Tisch des Herrn, ob reformiert oder katholisch. Und das soll ein schlimmer Missbrauch sein? Selbstverständlich können wir das Erbe der Geschichte nicht abschaffen, ohne einen Teil unserer Identität abzuschaffen.
Die Frage ist aber, auf welchen Teil der Geschichte wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Die gegenwärtige Situation kann durchaus einen «Déjà-vu-Effekt» erzeugen. Siehe Apostelgeschichte Kapitel 15. Damals wehrte sich der liberale Jude Paulus gegen die judenchristliche Orthodoxie, die den Heidenchristen die Beschneidung und das ganze mosaische Gesetz abverlangen wollte. Die Kirchenführer kamen zum Schluss «Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden» (Apg 15,28f.).
Der Beschluss erwies sich von historisch folgenreicher Klugheit. Was für ein Genie war Paulus! Leider können wir heute von solch paulinischer Freiheit und Klugheit nur träumen!

