VorstellungHintergrundFAQsMyblogMail to

Minarette:

Ein Abschied von westlichen Werten?

 

Das aktuelle Zitat

"Diejenigen, die unter Berufung auf die kulturellen Unterschiede und die Werterelativität sich weigern, die Menschenrechte einzuhalten, sind in Wirklichkeit rückständige Unterdrücker, die ihr diktatorisches Wesen unter der Maske der Kultur verdecken und im Namen der nationalen oder religiösen Kultur die Absicht hegen, ihre eigene Nation zu unterdrücken und zu terrorisieren."

Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin, Iran, in ihrer Weltethos-Rede, Tübingen 20. Oktober 2005.

Von Fritz P. Schaller

Wangen bei Olten ist ein kleines Nest, nur 4722 Einwohner. Aber 26 000 Autos fahren täglich durch.

Und Wangen hat zwei Kirchen und eine Kapelle, dazu einen Türkischen Verein mit Vereinshaus in der Gewerbezone beim Bahnhof. Jetzt, da der Verein ein sechs Meter hohes Minarett auf dem Dach errichten wollte, hagelte es Einsprachen, unter anderen von den römisch-katholischen und reformierten Kirchgemeinden.

Ist das nun eine mikrobiologische Ansicht des Zusammenpralls der Zivilisationen, mit dem Samuel Huntington schon vor Jahren geflunkert? Man könnte es denken. Minarett gegen Kirchturm. Gebetsruf des Muezzin gegen Geläut von Kirchenglocken. Westliche Werte gegen östliche, christliche gegen islamische, orthodoxe gegen liberale Weltvorstellungen.

Schon sammeln rechtskonservative politische Kräfte Unterschriften für ein staatliches Minarett-Verbot. Angst, Angst!

Die Türkei passe nicht in die Europäische Union, glauben manche, Muslime passten nicht in die westliche Gesellschaft. Und überhaupt: Mit der Hamas oder auch den ägyptischen Muslimbrüdern, den iranischen Mullahs samt ihren Glaubenskämpfern könne man sowieso nicht verhandeln.

Leider leidet unser Verhältnis zur arabischen und darüber hinaus der islamischen Welt unter drei Krankheiten: Gedächtnisverlust, Ignoranz und irrationalen Phobien.

 

1. Gedächtnisverlust:

Der jüdische Historiker Dan Diner erinnert an die Bedeutung, die der Untergang des Osmanischen Reiches, für unser Verhältnis zur islamischen Welt hat. Aber soweit sind wir im Geschichtsunterricht damals am Gymnasium gar nicht gekommen! Aus diesem Untergang sind nicht bloss die moderne Türkei, sondern auch die balkanischen und arabischen Nationalismen hervorgegangen, mit denen wir uns von Bosnien bis Pakistan abmühen.

Mit dem Untergang des Osmanischen Reichs hat der sunnitische Islam sein Kalifat verloren. Für die Religion ein traumatisches Ereignis. Was dies bedeutet, hat der syrische Politologe Bassam Tibi dargestellt, (siehe „Der wahre Imam“, Piper München, Zürich, 1996). Man kann es ahnen, wenn man sich vorstellt, die katholische Welt würde das Papsttum verlieren.

Erinnern wir uns ferner an den Schiffbruch der Kolonialmächte um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Grossbritannien war gezwungen, sich aus Asien und dem Nahen Osten zurückzuziehen, Frankreich aus Indochina. Erinnern wir uns des katastrophalen US-amerikanischen Vietnamkriegs. Fazit: Der Westen verlor mit dem Scheitern der Kolonialzeit, Macht und Anspruch über die Welt. Und die christliche Mission verlor im gleichen Zug ihre Berufung, der Welt zu verkünden, was für sie gut und wahr sein solle.

Denken wir schliesslich an den Zusammenbruch des Ost-West-Konflikts im Jahre 1989. Diese Ereignisse sind nicht bloss Geschichte des 20. Jahrhundert, sie sind unser aktuelles Schicksal. Die Welt leidet an den unverheilten Wunden. Sie bluten weiter, siehe Palästina.

2. Ignoranz:

Gilles Kepel hat in seiner Studien über die fundamentalistischen Bewegungen schon vor Jahren darauf hingewiesen, weshalb die so genannten islamistischen Organisationen unter den einfachen Leuten der arabischen Welt so populär sind (siehe Gilles Kepel: Die Rache Gottes, Piper München, Zürich, 1991). Sie sind oft die Einzigen, die sich vor Ort um das Sozialwesen und die Erziehung kümmern, und die die Korruption bekämpfen. Die Hamas ist das aktuellste Beispiel.

Westliche Konzerne tafeln schon eher mit den Ölscheichs der arabischen Halbinsel als mit den Muslimbrüdern. Mit ihnen kann man zwar nicht über Menschenrechte, Demokratie und Entwicklung ihrer eigenen Ländern reden, wohl aber über internationale Finanzströme, Investitionen, über das Management amerikanischer Meereshäfen und überhaupt über Garantien für das grosse Geschäft.

Es gibt eine gefährliche westliche und ökonomische Komplizenschaft, die die konkreten Verhältnisse vor Ort nach Eigennutz beurteilt. Eine Hand wäscht die andere. Erhellend ist in diesem Zusammenhang das Buch „Die Schatten der Globalisierung“ des ehemaligen Chefvolkswirts der Weltbank und Nobelpreisträger, Joseph Stiglitz (Goldmann, München 2003).

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts ist die Polarisierung der Welt in so genannte sozialistische und kapitalistische Lager überholt. Zwar hat Präsident Bush versucht, eine neue Achse des Bösen zu definieren, da er die USA ja als die Achse des Guten versteht. Aber diese neue Polarisierung ist ihrerseits ein Phantom, eine Quelle neuer Phobien. Die Wirklichkeit ist komplizierter, auch die Sache mit dem Terrorismus. Es gibt keine Achse des Bösen. Aber es gibt viele schwierige und gefährliche Situationen. Es gibt keine Achse des Guten, sprich des Westens, wohl aber eine Achse globaler menschlicher Werte, die das Schicksal unseres Planeten sind.

 

3. Irrationale Phobien:

Sicher stimmt es, dass viele grosse, so genannt westliche Ideen die globale Geschichte der jüngsten 500 Jahre prägten: Der Humanismus der Renaissance, die kopernikanische Wende, die Reformation, die Aufklärung, die wissenschaftliche Revolution, der Übergang zu republikanischen und demokratischen Gesellschaftsordnungen. In denke nicht, dass die Menschheit ein Interesse hat, dahinter zurückfallen. Im Gegenteil: Wer voranstürmt, denke daran, dass er die andern nicht sitzen lässt, aus Gedächtnisverlust, Ignoranz oder gar aus Phobie.

 

4. ... und das Unbedingt Menschliche

Die bedeutenden Humanisten und Aufklärer haben immer die Werte des Universal Menschlichen im Blick gehabt. Es ging Immanuel Kant um die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, nicht bloss des westlichen Menschen, sondern des Menschen überhaupt.

Die Aufklärer verkündeten, dass wir als Menschheit unteilbare Werte der Würde und des Rechts besitzen, inklusive dem Recht auf Bildung und Wissen. Auf sie hat jede Person als einzelne und jede menschliche Gemeinschaft unbedingt Anspruch.

Der Anspruch beginnt nicht erst bei der Familie, dem Clan, der Ethnie oder der Nation. Er beginnt schon bei der Person. Die Aufklärer begründeten diese Würde aus der Menschlichkeit des Menschen selbst.

Denn nicht weil wir Westler oder Christen sind, verurteilen wir Bin Laden oder Guantanamo und alle die obskuren Gefängnisse, wo gefoltert wird. Wir verurteilen den Fanatismus israelischer Siedler in Palästina, die Massenhysterien überall auf der Welt, weil diese den Standards des Unbedingt Menschlichen widersprechen. Und wir solidarisieren uns mit Shirin Ebadi, der iranischen Nobelpreisträgerin und Menschenrechtsaktivistin, oder mit der birmesischen Oppositionellen Aung San Suu Kyi, weil wir die Menschlichkeit höher schätzen als die Machtverhältnisse.

Umgekehrt: Nicht weil die Muslime Muslime sind, haben sie das Recht, die Exzesse des neoliberalen und imperialistischen so genannten christlichen Westens zu denunzieren, ob in Palästina, Afghanistan, Irak, Tschetschenien, sondern weil die universalen Standards des menschlichen Zusammenlebens auf dem Spiel stehen.

Cool bleiben

Wir sind uns auf unserem kleinen Planeten ja unheimlich nahe gerückt. So nahe, dass plötzlich Minarette mitten in unserer Landschaft auftauchen, und Frauen mit islamischen Kopftüchern sich unter uns bewegen wie früher die Klosterfrauen. Mohammed-Karikaturen erscheinen in einem dänischen Provinzblatt und bewegen die Gemüter. Unglaublich! Kein Wunder, entwickeln manche Leute Platzangst, Sozialphobien und Fremdenhass! Aber dahinter stecken Ignoranz und Gedächtnisverlust.

Bleiben wir cool! Spülen wir den Begriff von westlichen, patriotischen, christlichen, kolonialen, neoliberalen Werten aus unseren Köpfen und ersetzen wir ihn mit den unbedingt gültigen, universalen menschlichen Werten.

Denn die universalen menschlichen Werte sind der Gegenstand des Weltdisputs. Um sie müssen wir global diskutieren, streiten und sie durchsetzen. Das ist der springende Punkt.

Fritz P. Schaller


>>> Zurück zur Homepage

>>> Zurück zum Seitentitel

Symbol I

Hand berührt Mammuth

Bild aus der Grotte Chauvet, Südfrankreich, rund 30 000 Jahre alt - ein frühes Gespür für Transzendenz.

Symbol II

Mann, Frau, Gott


Bild von Ferdinand Gehr - das Göttliche,
Ansicht eines Unsichtbaren.