Atelier für eine junge humanistische Theologie. Seit 2003.

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Sokratische Einsicht

Unwissen ist nicht der Restbestand des Wissens,
sondern dessen Grundbestand.

Das Hirn missverstehen

Hirnforscher wollen das menschliche Hirn nachbauen und verstehen. Das menschliche Hirn sei nämlich eines der letzten grossen Mysterien der Menschheit. Ist es das?

30. Januar 2012. Das "Human Brain Projekt" der ETH Lausanne soll mit einer Milliarde Euro von EU finanziert werden. Wortführer des Projekts ist der Hirnforscher Henry Markram, Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Lausanne.

Meine Frage an den enthusiastischen Hirnforscher Henry Markram: Wie soll denn das in allen Einzelheiten als Supercomputer nachgebaute Hirn dem menschlichen Denken und Fühlen auf die Schliche kommen, wo es doch "das Gehirn" in der Realität gar nicht gibt?

In der menschlichen Realität sind wir Zeugen einer unüberschaubaren Zahl von kognitiven und emotionalen Prozessen, die allesamt je persönlich, subjektiv und letztlich gar nicht objektivierbar sind. Was ist dann der Mehrwert der digitalen Konstruktion eines Superhirns im Vergleich zu Psychologie, Verhaltensforschung, Philosophie, Anthropologie oder auch der theologischen Glaubensforschung?

Gerade die Erfahrungen der Theologie könnten den Hirnforschern eine Lehre sein. Keines der ausgeklügelten theologischen Modelle von Himmel oder Hölle hat je einen Engel oder einen Teufel hervorgebracht. Simulationen, ob philosophische oder digitale, stossen an die prinzipielle Unmöglichkeit, Subjektivität objektiv zu verstehen.

Ein digitales "Superhirn" würde voraussetzen, dass sich ein subjektiver Gedanke oder ein Gefühl in eine Abfolge von Bits und Bytes "objektiv" umrechnen liesse. Das geht aber nicht!

Es ist geradezu charakteristisch für die Evolution des Lebens, sich nicht in Modellen zu verwirklichen, sondern in je einmaligen originalen, in je persönlichen lebensgeschichtlichen Existenzen. Ein Hirn ist neben dem Genom ein wunderbares Beispiel dafür: Als mein eigenes unverwechselbares Zentrum meines Mich-Selbst.

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Mein Glaubensbekenntnis

Nichtsein gebiert Dasein als seinen Überfluss.
Nichtleben erzeugt Leben als seine Performance.
Nichtsein und Nichtleben entäussern sich
in eines Jeden Existenz.

Wir sind geliebt, sonst wären wir nicht.

23. Januar 2012. Laotse dichtete nach "Daodejing":

"Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder eintreten."

Dies malten die alteuropäischen Künstler in der Grotte Chauvet.
Siehe My Blog vom 19. Januar.
"Das Tor, durch das alle Wunder eintreten" ...

... Ja, die dreifachen Wunder des Daseins,
des Lebens
und der Existenz.

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Die Höhle der vergessenen Träume

Werner Herzogs Film über die "Grotte Chauvet" ist in unseren Kinos angekommen: "Die Höhle der vergessenen Träume" (Cave of Forgotten Dreams). Ein Zeugnis vom Ursprung der menschlichen Kultur.

19. Januar 2012. Einerseits schuf Herzog, geführt von französischen Archäologen, einen wissenschaftlich hieb- und stichfesten Dokumentarfilm. Zuschauer besuchen eine einzigartige Bildergalerie, die alteuropäische Jäger von rund 30'000 Jahren in einer Karsthöhle anlegten, die Grotte Chauvet in der südfranzösischen Ardèche.

Andererseits kann Werner Herzog dank der 3D-Aufnahmetechnik die Innenarchitektur der Höhle sowie die Bilder derart plastisch auf die Leinwand bringen, das man als Zuschauer sich quasi in der Höhle staunend und fasziniert mit dem Auge der Kamera mitbewegt. Was Herzog gelingt, ist, uns zu Zeugen der "kulturellen Menschwerdung" unserer Menschenart zu machen. Grossartig!

Warum ich das bemerkenswert finde?
Sie erinnern sich vielleicht: Im ersten Kapitel meiner "Evolution des Göttlichen" (2006) entführte ich meine Leserinnen und Leser zu einer Zeitreise in die Grotte Chauvet.

Herzogs Film bestätigt mir, dass ich damit wahrscheinlich die bestmögliche Wahl zur Erkundung von Ursprung und Wandel einer Gottesvorstellung traf. Wobei meine spezifische Frage natürlich über die Ästhetik hinausging, nämlich zur Frage, was bedeutet die Kunst der alteuropäischen Jäger für die Interpretation ihrer Lebenswirklichkeit?

Ich kann Ihnen den Kino-Besuch empfehlen, umso mehr als es höchste Zeit ist, die Menschwerdung des Menschen nicht als Prähistorie zu betrachten, wie in der akademischen Tradition üblich, sondern als integralen Bestandteil unserer Menschheitsgeschichte. Nicht erst die Erfindung der Schrift dokumentiert Menschheitsgeschichte; die Kunst bediente sich schon viel früherer Ausdrucksformen: die mündliche Überlieferung, die Rezitation, das Bild, den Mythos, die Grafik, die Steinwerkzeuge usw.!

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Des Menschen Würde und Recht (3)

Können Menschen ihre Würde verspielen? Die Antwort ergibt sich nicht bloss aus den Spielregeln des Zusammenlebens (Rechtsordnung), sondern aus den Wertidealen (Verfassung), denen wir anhangen.

19. Januar 2012. Die "Würde" ist kein moralisches Merkmal. Sie kommt dem Menschen so oder so zu: Als Anerkennung der Tatsache, dass ausnahmslos jeder Mensch eine einzigartige Blüte darstellt, aufgegangen im Raumzeitfenster seiner Existenz. Um dies zu erkennen, muss man nicht einmal einen Gott bemühen. Sie fliesst aus der Einsicht in die Menschlichkeit das Menschen.

Ich bezeichnete die Würde in meiner "Evolution des Göttlichen" als das "Unbedingt-Menschliche". Diese Würde der Person ist an keine Bedingung geknüpft, also unbedingt. Ob das "Unbedingt-Menschliche" als "Sakralität der Person" verstanden werden kann, wie Hans Joas meint? Ich zweifle. Der säkulare Ausdruck "unveräusserliche Würde" ist treffender. Er bedarf keiner religiösen Genealogie, wie der Begriff "sakral" suggeriert. Der säkulare Begriff des "Unbedingt-Menschlichen" hat das sakrale "Göttliche" nicht bloss neu umschrieben, sondern abgelöst.

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Des Menschen Würde und Recht (2)

Hans Joas setzt den Durchbruch zu unserem modernen Verständnis von menschlicher Würde und Recht im 18. Jahrhundert an. Das lässt Fragen offen: Kann es sein, dass in früheren Jahrhunderten kein Mensch Würde und Recht reklamierte?

11. Januar 2011. Selbstverständlich haben wir aus alten Zeiten jede Menge von Einsichten überliefert, welche die Eigenwürde der menschlichen Person hervorheben. Ganz prominent tat dies Jesus von Nazareth. Er knüpfte die menschliche Würde an die schlichte Tatsache  der Menschlichkeit des Menschen. Weder der Buchstaben des Gesetzes, noch der Gesetzesgehorsam, weder moralische Sauberkeit noch die Tempeltreue waren der Massstab. Die kreatürliche "Gotteskindschaft" allein begründete für Jesus die Würde und Ehre der Person.

Würde ist, so betrachtet, gar kein moralischer Tatbestand, sie ist vormoralisch, ein Merkmal der je persönlichen Existenz, und daher unantastbar. Würde ist kein moralischer Massstab, sie begründet aber Recht und Moral. Freiheit, physische und psychische Integrität, Autonomie, Mitsprache und Mitbestimmung gelten unbedingt, nicht weil sie in der Verfassung stehen. Sie gelten, weil die Verfassung und Rechtsstaat den Respekt vor der Würde der Person garantieren sollen.

Warum setzte sich diese Einsicht erst in der Neuzeit allmählich durch?

Eine geschichtliche Tatsache ist, dass die Eigenwürde der Person den "höheren Werten", der Ehre von Familie, Clan, Ethnie, Religion, Kirche, Nation untergeordnet war. Die Botschaft war: Du bist nichts, die Religion, bzw. Gott ist alles. So konnten die Kirchen ihre Getauften zwar mit der Ehre der "Kinder Gottes" auszeichnen, aber immer unter dem Vorbehalt, dass selbstverständlich die Ehre der Kirche, oder Gottes, oder des Fürsten, der Nation oder des Clans Vortritt hatten.

Der israelitische Patriarch Abraham war überzeugt, dass er seinen einzigen Sohn Isaak schlachten und als Menschenopfer Gott darbringen sollte. Er wagte nicht, sich gegenüber Gott auf sein Menschenrecht auf einen Sohn zu berufen. Oder gar darauf, dass Isaak doch ein Recht auf Leben und Integrität besass.

Bei Abraham kam es nicht soweit, dass Isaak tatsächlich geschlachtet wurde. Aber nicht aus Abrahams Einsicht. Ein Engel hielt den Arm Abrahams zurück, als er schon zum tödlichen Stich ausgeholt hatte. Bis heute hält sich das Muster von Abrahams Glaubensgehorsam, dass nämlich Gott über Menschenleichen gehen darf, beziehungsweise dass höhere Gewalten Menschenopfer verlangen können.

Gotteslästerung und Irrlehre riefen im Mittelalter nach der Todesstrafe. Die Kirche entsandte sogar Priester, die der Exekution beiwohnten. Folter, Hexenverbrennung, Verbannung waren legitim. Desgleichen der "gerechte" Krieg gegen Ungläubige, inklusive der Segnung von Waffen und Flaggen. Nicht zu reden von der Versklavung und Vernichtung ganzer Völker, von Leibeigenschaft und Ausbeutung. Bis heute gelten Blutrache, Ehrenmorde, Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Zwangsaufgebot zum Kriegsdienst und andere menschenrechtswidrige Traditionen als "heilige" Gebote.

Angesichts dieser Vergangenheit ist die Aufwertung von Würde und Recht des Menschen eine offensichtliche zivilisatorische Errungenschaft. Menschenwürde und Menschenrecht können zu Recht universale Geltung beanspruchen, ohne Wenn und Aber.

Diese Einsicht ist für die Religionen nicht selbstverständlich, wie die Geschichte lehrt. Umso besser aber, wenn die Religionen aus ihren eigenen Traditionen Argumente für die unantastbare Würde eines Jeden beisteuern können.

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Des Menschen Recht und Würde (1)

Der Freiburger Sozialphilosoph Hans Joas entwarf eine "neue  Genealogie der Menschenrechte". Sein Ansatz überzeugt durch das, was er nicht tut.

7. Januar 2012. Joas könnte nämlich von einer Philosophie oder Theologie der menschlichen Person ausgehen und darstellen, welche Merkmale den universal gültigen Idealtypus des Menschlichen ausmachen. Das tut er aber nicht. Vielmehr erzählt Hans Joas eine Geschichte.

Er erzählt, wie es kommt, dass wir heute von unveräusserlichen Menschenrechten reden können, wie sie beispielhaft in der Allgemeinen  Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom Jahr 1948 festgehalten sind. "Die Geschichte der Menschenrechte ist die Geschichte der Sakralisierung der Person", sagt Joas.

Wie kommt es, dass spätestens seit dem 18. Jahrhundert in Europa und in Nordamerika die Einsicht aufkommt, dass beispielsweise Menschenhandel, Sklaverei, Folter, Verstümmelung, Todesstrafe, Glaubenszwang der Würde des Menschen widersprechen?

Natürlich waren viele humanistische Vordenker am Werk. Aber vor allem wirkten die traumatischen Erfahrungen des gigantischen Unrechts der Religionskriege, der Ausrottung ganzer Völker im Zuge der europäischen Eroberung Amerikas, der Versklavung. Nicht zu vergessen die menschenverachtenden nationalistischen, faschistischen und leninistisch-stalinistischen Ideologien, die in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts gipfelten.

Wer Menschenrecht verstehen will, tut gut daran zu erkennen, wie wir Menschen zu unserer Idee von Würde und Recht gekommen sind: Aus einem erfahrungsgeleiteten Reifungsprozess des menschlichen Bewusstseins.

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I Ging - spielerisch zur Tugend

"I Ging" ist der Name eines chinesischen Orakel- und Weisheitsbuchs. Als ich mich kürzlich mit diesem 3000 Jahre alten Orakel befasste, wurde ich überrascht. Anders als erwartet, fand ich nichts von Hokuspokus. Jedenfalls nicht in der deutschen Ausgabe von Hanna Moog.*

29. Dezember 2011. Wer das I Ging zu irgendeinem Lebensproblem befragen möchte, beginnt mit einem Spiel. Man wirft drei gleiche Münzen in die Luft und merkt sich, wie sie fallen, auf Kopf oder Zahl. Jeder Wurf kann vier Konstellationen ergeben: zweimal Kopf-einmal Zahl, oder zweimal Zahl-einmal Kopf, oder dreimal Zahl, oder dreimal Kopf.

Man wirft sechsmal hintereinander. So kommt es, dass am Ende der Befragung eines von insgesamt 64 möglichen Doppelbildern entsteht: ein Hexagramm (zusammengesetzt aus je zwei Trigramma).

Die Kunst besteht nun darin, das zufällig und spielerisch ermittelte Hexagramm zu deuten. Natürlich kann eine solche Deutung esoterisch, willkürlich, ja völlig manipulativ ausfallen wie die meisten Horoskope. Es kommt auf die Person an, die deutet. Und wie wir wissen, tummeln sich auf dem Gebiet der Horoskope und Wahrsagereien dubiose, zynische, naive, wahnsinnige und auch schlicht ungebildete Närrinnen und Narren.

Die Deutungen meiner "I Ging"-Ausgabe werden jedoch dem grossen chinesischen Weisheitslehrer Konfuzius zugeschrieben. Sie erweisen als erstaunlich humanistisch.

Welches Hexagramm auch immer aus meinem Münzenspiel hervorgeht, stets wird mir zur Lösung meines Problems ein Handeln empfohlen, das dem Idealbild eines edlen, ausgeglichenen, hilfreichen Menschen entspricht. Beständig und wahrhaftig soll der Mensch sein in seinem Charakter, nicht stur, sondern biegsam, je nachdem, was den Verhältnissen angemessen ist. Im Hintergrund steht das konfuzianische Idealbild für das chinesische Kaiserreich, wie es Konfuzius vorschwebte: Das Bild einer harmonischen, hierarchisch geordneten Gesellschaft, in der alle glücklich sein können.

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Verstorben oder tot?

Im Nachruf auf die jüngst verstorbene deutsche Dichterin meldet meine Zeitung: "Christa Wolf ist tot".
Kann das denn wirklich stimmen?

4. Dezember 2011. Ironischer Weise dementiert der Autor seine eigene Aussage umgehend. Er zitiert Christa Wolf:

"Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd."

Natürlich weiss ich um die politische Relevanz dieser Aussage auf Wolfs biografischem Hintergrund ihrer Vergangenheit als Autorin unter dem ehemaligen DDR-Regime. Sie mahnt wahrhaftige Aufarbeitung des Vergangenen an.

Darüber hinaus aber formulierte Christa Wolf eine allgemein gültige Einsicht in das Leben von Mensch und Natur. Was vergangen, bleibt ein Element der ewigen Gegenwart, wenn auch in steter Verwandlung.

Christen könnten sich darin wieder erkennen. Denn christlicher Glaube geht ja davon aus, dass Jesus zwar verstorben ist, aber deswegen nicht tot ist. Beispielhaft für uns alle, die Sterblichen...

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