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Wie die Welt spinnt

Spot(t)flashs, von Fritz P. Schaller

Menschliche Organkultur

Ein Mailänder-Gericht hat gestern entschieden, dass die künstliche Ernährung der 34-jährigen Koma-Patientin Eluana Englaro eingestellt werden dürfe. Sie hatte vor 16 Jahren ein schweres Schädeltrauma erlitten. Sie lag in einem kirchlichen Spital in Lecco in der Lombardei.

(10. Juli 2008) Im Fall dieser Koma-Patientin haben die Ärzte ein "irreversibles Koma" festgestellt. Dies bedeutet, dass Englaro als menschliche Person verstorben war, ihr Organismus aber nur noch dank künstlicher Ernährung weiter vegetiert hat. Es handelte also sich nicht mehr um ein Menschenleben, sondern um die überlebende Organ- und Zellkultur einer Verstorbenen.

Unglaublich ist erstens, dass es 16 Jahre gedauert hat, bis ein ziviles Gericht den Abbruch der künstlichen Ernährung erlaubt hat. Ebenso unglaublich scheint zweitens, dass sich ein Papst solcher Einsicht verschliessen kann im Glauben, Gott als Herr über Leben und Tod werde persönlich entscheiden, wann die künstliche Belebung einer Organ- und Zellkultur abzubrechen sei.

Das glauben wohl auch die Angehörigen des wohl prominentesten künstlich weiterlebenden Organismus, des früheren israelischen Regierungschefs Ariel Sharon. Letztlich hat ein solcher Glaube jedoch nichts mit Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben zu tun, sondern bedeutet feige Flucht vor menschlicher Vernunft und Verantwortung.

Siehe dazu auch den Artikel über Suizidhilfe PDF

Musik im Hirn

Der New Yorker Neurologe Oliver Sacks zeigt in seinem Buch "Der einarmige Pianist", was sich musikalisch in unserem Gehirn abspielt. Rowohlt, Hamburg, 2008.

(8. Juli 2008) Die Musik ist insofern interessant als sie eine Brücke bildet zwischen den kognitiven und emotionalen Fähigkeiten des Menschen. Selbst wer dement ist, kann noch von Musik berührt werden, denn die emotionalen Fähigkeiten wurzeln tief unter der Grosshirnrinde. Kein Wunder stellen Hirnforscher bei Berufsmusikern ein stärker ausgeprägtes Corpus callosum im Gehirn fest. Diese Brücke zwischen den beiden Hirn-Hemisphären sorgt für die Kommunikation zwischen kognitiven und emotionalen Inhalten.

Oliver Sacks bestärkt mich in der Überzeugung, dass es richtig ist, die Religion im allgemeinen und der Gotteserkenntnis im speziellen auf die typisch menschlichen Bedingungen der Weltinterpretation zurückzuführen. Kognition und Emotion bilden die zwei Quellen der Weltinterpretation, die transzendente Perspektive eingeschlossen. In der Einleitung zu meinem Buch "Die Evolution des Göttlichen" habe ich dies näher ausgeführt.

So betrachtet, eignen sich die Medien emotionaler Kommunikation, Musik, Poesie und Kunst, besser für das Göttliche als die Medien kognitiver Kommunikation, Wort und Schrift.

Die Kriegserklärung

Am 25. Juli 1968, vor 40 Jahren, veröffentlichte Papst Paul VI. im Vatikan sein Rundschreiben "Humanae vitae" gegen so genannt "künstliche" Methoden der Empfängnisverhütung und Geburtenkontrolle.

(6. Juli 2008)."Humanae vitae" erregte damals globales Aufsehen. Es war eine Kriegserklärung an den Zeitgeist.

Am Sonntag darauf wirkte ich als Aushilfspriester in einer industriellen Vorortsgemeinde der Bischofsstadt Solothurn. In meiner Predigt erklärte ich den Zuhörern, das päpstliche Rundschreiben beruhe auf einer überholten und unhaltbaren Naturrechtslehre. Wir sollten uns nicht beirren lassen, sondern unserem gesunden Menschenverstand, unserem Gewissen und Urteil folgen. Denn, wie das Zweite Vatikanische Konzil ausdrücklich zugestand, hätten die Kirchenglieder jedes seine eigene Welt-Verantwortung.

Nach der Messe sagte mir ein junges Elternpaar, sie fühlten sich durch die Predigt sehr erleichtert. Die Predigt lag sehr richtig. Denn "Humanae vitae" erweist sich heute als Anfang des Niedergangs der Autorität des katholischen Lehramtes.

Indem Papst Paul VI. dem Zeitgeist den Krieg erklärte, zog er seinen Gläubigen den Boden unter den Füssen weg. Wer kann noch zuhören, wenn sich das Lehramt heute zu Geburtenkontrolle, Ehe und Familie, Bevölkerungsentwicklung, Zölibat, Homosexualität und Abtreibung äussert? Sein Dogmen-Fundamentalismus wirkt offensichtlich paradox: Er stärkt den Glauben nicht, er untergräbt ihn!

Das Glück der Euro 08

"So macht Fussball Spass", schreibt mein Leibblatt über das Euro-08-Finale in Wien. Dem kann ich nur zustimmen. Wer nicht! Aber er untertreibt.

Es war ein Finale der cleveren, der tüchtigen, fairen und kooperativen Spieler aller Mannschaften. Mehr als Spass: Glücksgefühl!

Warum? Weil bei einem solch gelungenen Fussballfest gleich mehrere Talente zusammen spielen, wie dies bei Solo-Performern eben nicht der Fall ist. Roger Federer, Tom Lüthi oder Michelle Hunziker - Tennis, Töff oder Model, auch gut! Aber Fussball ist Teamplay. Es gelingt nur dank dem Zusammenspiel von Verteidigern, Mittelfeldspielern, Rechtsaussen und Linksaussen, Stürmern, Torwart, Coach und nicht zuletzt dem Publikum. Selbst Torres oder Ballack rennen nicht für sich selbst.

Übertragen auf das Euro-08-Gebiet zwischen Ural und Atlantik: Selbst die tüchtigste Mannschaft kann nur glänzen als ein Talent unter anderen Talenten. Das sollten wir Schweizer uns merken, als Ko-Gastgeber zusammen mit Österreich und als Mitspieler sowieso. Unser europäische Berufung kann nicht mit irgendeiner Solo-Performance von Unternehmen oder Parteien oder Kirchen gelingen. Angesagt sind Kooperation (in Sachen Steuerflucht, Bankgeheimnis), Zusammenspiel (Personen-Freizügigkeit), Steilvorlagen (Alpentransversale), Querpässe (Fluglärm), Respekt vor dem Schiedsrichter (Menschrechts-Gerichtshof) und Fairness.

So gesehen macht Fussball wirklich Spass, als spielerisches Gleichnis des gelingenden Lebens!

(30. Juni 2008).

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Päpstlicher Christus

Aus einer Pfarrei-Veranstaltung über das Papst-Buch "Jesus von Nazareth". Unbekümmert um die historisch-kritischen Bedenken setzt Benedikt XVI. die "Ich-bin"-Aussagen von Jesus im Johannesevangelium auf die gleiche Ebene wie die berühmte Gottesoffenbarung im Alten Testament.

Der Papst bekräftigt vehement die Gottheit von Jesus. So, als ob Jesus, "nur" als Mensch betrachtet, ein defizitäres Wesen wäre.

Doch diese Christologie verkennt das Charakteristische am Johannes-Evangelium. Johannes behandelte Jesus als eine allegorische Figur. Die "Ich-bin"-Aussagen sind die Aussagen einer Allegorie. So wie der Titel "Christus" im Neuen Testament generell als allegorisches Alter-Ego des leibhaftigen Jesus interpretiert werden kann.

Die Vermutung bleibt, dass der Papst die Wahrheit des Evangeliums stärker verdunkelt als erhellt. Denn die theologischen Denksysteme der Kirchenväter können wir getrost als überholt betrachten. Auch wenn der Papst auf sie baut!

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Zum Fall Fritzl (2)

Jemand hat gefragt, ob Fritzl sein Verbrechen wohl gebeichtet habe. Lebt er doch in einer erzkatholischen Gegend. Ein Psychologe meinte: Sicher nicht!

Der Psychologe hat Recht. Zwar würde sich wohl irgendwo ein Priester finden, der über dem Sünder die Worte aussprechen könnte: Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. So gestattet es das kirchliche Beichtsakrament! Trotzdem: Fritzl hat bewiesen, dass er unfähig ist zu menschlicher Einfühlung. Das wunderbare Buch der Autistin Temple Grandin "Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier" (Ullstein Verlag, Berlin) hat mir die Psychologie der einfühlungsunfähigen Menschen erschlossen. Diese sind an sozialer Intelligenz dermassen defizitär, dass sie nicht einmal ein Schuldgefühl für Unmenschlichkeit entwickeln können. Intelligenz in anderen Hinsichten (Mathematik, Technik, Karriere) kann durchaus vorhanden sein. Autisten könnten wohl lernen, wie man beichtet, es bliebe aber beim rein mechanischen, gewissensfreien Vorgang. Abgesehen davon würde ein Beichtpriester die Feigheit des Sünders decken, der seine Schuld unter dem Beichtgeheimnis bekennen will statt wahr und gerecht im Angesicht der Opfer.

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Das hierarchische Prinzip

Luzern. An einer Tagung über Kirche und Kirchenrecht sagte die Professorin: Die Tiefenstruktur der Kirche ist sakramental und nicht demokratisch.

Frau Professorin rechtfertigte damit das hierarchische Prinzip der katholischen Kirche. Die Aussage ist nicht haltbar, nicht einmal theologisch. Sie beruht auf einem Denkfehler. Denn Sakramentalität ist kein Strukturprinzip sondern eine transzendentale Eigenschaft: vom Geist Gottes gewirkt aus Gnade. Demokratie hingegen steht für Transparenz, Gewaltenteilung, Rechtsausgleich, Machtbalance, Partizipation, Mitsprache, Mitglauben. Wer das Sakramentale gegen Demokratie ausspielt, der spricht dem Geist Gottes die Fähigkeit ab, in transparenten, partizipativen, machtbalancierten Strukturen zu wirken.

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Zum Fall Fritzl (1)

24 Jahre lang hat ein Vater seine eigene Tochter in einem Kellerverliess als Sexsklavin gehalten, hat sie missbraucht, vergewaltigt und mir ihr Kinder gezeugt. Und wer davon wusste, litt still, und wohl auch feige, eingeschüchtert vom Willen eines selbstherrlichen Mannes, der keinen Widerspruch zuliess.

Warum kommt mir Josef Fritzl so bekannt vor? Weil ich ihm schon begegnet bin. Nicht bloss in Krimis. Nein, auch im Privaten, an Stammtischen, hinter Schaltern, auf Chefetagen, in politischen und religiösen Zirkeln. Selbst putzige oder noble Fassaden können Abgründe der Unmenschlichkeit verbergen.

Es ist leider wahr: Die Menschlichkeit des Menschen ist keine definitive Errungenschaft unserer Zivilisationen. Sie bleibt eine Baustelle. Wer weiss das besser, als jene, die sich die ungeheure Menschenverachtung vergegenwärtigen, die uns biedere menschliche Monster im 20. Jahrhundert vorgeführt haben. Stalin, Hitler und ihre Gefolgsleute!, Pol Pot, Saddam Hussein ...

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"Gott" ein Kategorienfehler

Joseph Weizenbaum (1923-2008), der berühmte Computerwissenschaftler sagte jüngst in einem Interview von "Publik-Forum": "Es ist mir wirklich klar, dass die westliche oder die jüdisch-christliche Idee von Gott das ist, was man in der Philosopie einen Kategorienfehler nennt. Gott wird vorgestellt als Mensch."

Die Aussage mag provozieren. Sie entspricht aber sehr genau dem Ergebnis meiner "Evolution des Göttlichen". Die Frage ist bloss, weshalb die Theologie diesen Kategorienfehler nicht bemerkt hat, obschon wir über lange Tradition logischer Analysen verfügen. Zwei Gründe sind zu nennen: 1) Die Sprache. Wer den "Gott" verwendet, setzt meistens selbstverständlich voraus, dass von einem existierenden Wesen die Rede ist, das planen, denken, handeln, fühlen kann wie wir Menschen. Wenn schon die Menschen, dann erst recht Gott. Übersehen wird dabei, dass die Gottesvorstellung eine Vorstellung von einem unvorstellbar Transzendenten ist, sie also auf eine andere Kategorien bezieht. 2) Die Ontologie. Wer von "Gott" redet, setzt voraus, dass seine Vorstellungen nicht bloss platonischen Ideen entsprechen, sondern einer konkret existierenden Substanz.

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Schuss von der Kanzel

Ausgerechnet der Präsident des päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Seine Eminenz Kardinal Renato Martino, hat in den USA zum moralischen und finanziellen Boykott von Amnesty International aufgerufen.

Victor Giacobbo, der wohl prominenteste Schweizer Satiriker, nahm dies zum Anlass für eine beissende Satire, Titel: „Apostolgy International“. Giacobbo mutmasst unter anderem: „Die Menschenrechtsorganisation ist als Konkurrenz möglicherweise eine Dornenkrone im Auge des Vatikans, weil sie genau das tut, was Aufgabe einer Kirche wäre. Unter anderem spricht sie sich für das Abtreibungsrecht vergewaltigter Frauen aus.“ Die bösartige Polemik des Kurienkardinal gegen Amnesty International verdient nur eine satirische Antwort. Danke Viktor Giacobbo! Man muss sich in der Tat fragen, was für Dämonen die päpstliche Kurie besetzt halten. Es kann doch kein ehrlicher Mensch so blind sein, dass er den unersetzlichen, unverzichtbaren Einsatz von Amnesty International für uns Menschen nicht sieht!

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