| Plädoyer | Religiöses Bewusstsein | Zeitsplitter | Kirchensplitter | Fragen | Myblog | Quiz | Kirchenjazz |
Impressum: Autor der Website: Email: Adresse: |
Sie können diesen Text auch öffnen als PDF


Ich war damals Student der Theologie. Unser Ethikprofessor empfahl uns eindringlich Bergmans „Schweigen“ anzusehen. Das war in den 60er Jahren. Die Empfehlung des katholischen Moralisten war damals erstaunlich kühn. Denn damals herrschte in der Moraltheologie die Wahnvorstellung, man könne über jeden menschlichen Akt ein moralisches Urteil fällen, völlig unabhängig von Umständen und Motiven. Die Kasuisten, die moralischen Erbsenzähler, beherrschten die Moraltheologie.
Unser Ethiker weckte unsere Aufmerksamkeit dafür, dass urreligiöse Themen wie Liebe, Tod, Existenz, Verlorenheit, Glück, Gewalt kein Monopol der Theologie sind, sondern in erster Linie Themen der menschlichen Existenz, der Zeit, der Kunst, der Philosophie. Die grossen Filme sind Kunst, Philosophie und Theologie in einem.
Für mein Teil kann ich behaupten, dass die Lektionen der grossen Filmemacher oft relevanter waren als die systematischen Vorlesungen an der Fakultät. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, den ich mir vor ein paar Jahren bei der Lektüre eines Essays von Harald Pawlowski in „Publik-Forum“ gemerkt hatte. "Wir befinden uns in einem Prozess der Transformation des religiösen Bewusstseins."
Natürlich liebe ich diesen Satz nur schon deshalb, weil er auf meine eigene Lebenserfahrung vollkommen zutrifft. Ich studierte katholische Theologie in den 60er Jahren, zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Heute kann ich in meiner Biografie eine dynamische Transformation feststellen, die von der damaligen kirchenzentrierten Weltanschauung zu meiner heutigen Weltinterpretation führte, in der die Probleme der Kirche nicht mehr meine existenziellen sind.
Mit Jacques Derrida, dem französischen Philosophen, bezeichne ich diesen Prozess als einen Prozess existenzieller Dekonstruktion. Nur schon deswegen kann ich Pawlowskis Satz zustimmen. Verhält es sich nicht so, dass dieser Transformationsprozess hintergründig abläuft, unerkannt in den Biografien zahlloser Menschen? Demografische und soziologische Erhebungen registrieren ihn, sind aber nicht in der Lage, mehr als Vermutungen zur Frage „Warum eigentlich?“ zu äussern. Zumal die Kirchen den Bewusstseinswandel eher als äussere oder innere Emigration beklagen statt ihn zu meistern.
Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James hat schon vor über 100 Jahren die Kirchen als die „Regisseure von Religion“ analysiert. Er mochte noch an Theaterregie gedacht haben. Heute würden wir eher Filmemacher assoziieren. Wir sehen die Welt nicht mehr als statische Schaubühne, sondern als Prozess.
Wie auch immer: Die Kirchen verhalten sich wie Regisseure, denen die Darsteller, die Gläubigen, mehr und mehr entglitten sind. Sie beklagen die Säkularisierung, die Verdunstung des Glaubens, die Entchristlichung, den Verrat an christlichen Werten. Sie verübeln es den Darstellern, dass diese in Eigenregie zur Gestaltung von Religion übergangen sind, vielfach unter Anleitung von Film, Literatur, Philosophie und Naturwissenschaft.
Ich liebe Pawlowskis Satz auch, weil er nicht mit dem Verschwinden des religiösen Bewusstseins rechnet, sondern mit dessen Transformation. Und gerade deshalb mahnt er uns nach die Wurzeln des religiösen Bewusstseins zu graben. Denn diese sind nicht bloss in der Geschichte der menschlichen Kulturen auszumachen, sondern in jedem einzelnen Menschen. Mit jeder Geburt beginnt eine Sozialisation, eine Internalisierung und eine Transformation von Bewusstseinsinhalten von vorne.
Gemäss unserem Lebensgefühl kann die Performanz unseres Selbst nicht mit der persönlichen Aneignung überkommener Werte zu Ende sein, sie schreitet fort, ein Leben lang. Deshalb ist der Vorrang Tradition in den Kirchen suspekt. Er übersieht zu leicht, dass kirchliche Traditionen mit jedem jungen Menschen neu in Frage gestellt sind, wie übrigens auch alle anderen Traditionen.
Das Ziel der menschlichen Reifung kann nicht ein ungeprüfter Glaube sein, sondern eine eigene, aus vielen Zuflüssen gespiesene Überzeugung und Weltinterpretation. Die Religionsphilosophin Saskia Wendel definiert Religiosität als „Gefühl der Verdanktheit von einem Unbedingten“. Sehr überzeugend ist dabei, dass Wendel die Wurzel der Religion nicht in kognitiven Fähigkeiten verortet, was auf die Wahrheitsfrage hinaus liefe, sondern in emotionalen.
Überzeugend ist auch der Begriff des Unbedingten, denn besser als traditionelle Begriffe wie das Absolute, das Ewige, das Heilige bindet das Paar „unbedingt“ die Transzendenz-Erfahrung an die Bedingtheit der menschlichen Existenz. Der Münsteraner Theologe und Philosoph Klaus Müller hat jüngst angemerkt, dass er mit dem Begriff „des Unbedingten, des nicht Hintergehbaren“ auch mit agnostischen oder atheistischen Kollegen ins Gespräch kommen könne. Begriffe wie absolut, ewig, heilig sind tendenziell gewalttätig, gegen das Nicht-Absolute des menschlichen Selbst gerichtet, in ihrer milderen Form sind sie autoritär.
Wer die Wurzel der Religion in einem Gefühl für Transzendenz verortet, muss allerdings beachten, dass das Gefühl ambivalent ist. Es mündet nicht notwendigerweise in „Verdanktheit“. Man kann seine Existenz dem „Unbedingten“ auch verübeln, wie es all jene philosophischen und gnostischen Strömungen vormachen, die das Leibliche, die Materie, die Welt als den sündigen, üblen Kerker der lichten Seele betrachten, von dem so rasch wie möglich Erlösung zu erwarten sei. Angesichts von Gewalt, Leiden und Sterben ist eben die Endlichkeit nicht leicht auszuhalten.
Die Erforschung der religiösen Wurzeln kann subversiv wirken, wie an ganz aktuellen Beispielen ersichtlich ist. Der Anspruch des Papstes allein zu bestimmen, wer sich Kirche nennen kann, hält einer historisch-kritischen Dogmenanalyse nicht stand. Es ist nicht einzusehen, weshalb ihm Christen, Protestanten und Katholiken, in diesem Punkte folgen sollten. Wie Benedikt XVI. in seinem Jesusbuch zu erkennen gibt, ist dem Papst auch die historisch-kritische Bibelexegese suspekt. Das Ergebnis der Erforschung der Wurzeln kann in der Tat subversiv und destruktiv wirken. Festgefahrene Vorstellungen, Begriffe und Dogmen sehen sich in Frage gestellt.
Andererseits läuft die Transformation des religiösen Bewusstseins auf ein neues Konstruktives hinaus, weshalb ich den Vorgang gerne als „Dekonstruktion“ sehe. Ganz im Sinne des grossen französischen Philosophen Jacques Derrida.
Kürzlich nahm ich als Zuhörer an einem christlich-jüdisch-islamischen Gespräch über interreligiöse Ökumene teil. Mein Gefühl war dabei, dass ich, im Gegensatz zu den Referenten, meine Religion nicht bloss von einer Innen- sondern auch aus einer Aussenperspektive betrachte. Ich fand den Austausch von Innenansichten nicht wirklich befriedigend. Meine Zugehörigkeit zur katholischen Kirche kann ja nicht bedeuten, dass sich mein religiöses Gefühl mit dem deckt, was religionssoziologisch oder dogmatisch als „typisch katholisch“ bestimmt wird. Als ich dann bekannte, dass ich primär und im Grunde nicht von einem katholischen, sondern von einem zivilen Lebensgefühl geprägt sei und wünschte, dass der interreligiöse Dialog auf der Basis zivilgesellschaftlicher Werte wie Menschenrecht und Menschenwürde stattfinden sollte, erntete ich von der Muslimin auf dem Podium heftige Zustimmung. Ausgerechnet von einer Muslimin!
Harald Pawlowski bekam wohl stärker recht, als er vielleicht ahnte. Die Transformation des religiösen Bewusstseins erstreckt sich in unserer globalisierten Gesellschaft nicht bloss auf die Gesellschaften christlicher Tradition, sondern auch auf die Umma der Muslime, auf die Hindus, auf die buddhistischen oder auch taoistischen Traditionen. Das sollten wir stärker beachten. Nach den von Bergman oder Antonioni eingeleiteten grossen filmischen Weltinterpretationen sowieso!