VorstellungHintergrundFAQsBlogMail to
VorstellungHintergrundFAQsMyblogMail to

Die Mär
vom Schweizer Schisma

Die Münchener Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ beschäftigte sich jüngst mit dem Zustand des Schweizer Katholizismus. Die Analyse läuft auf die suggestive Frage hinaus: Drohendes Schisma – bereits Wirklichkeit?

Die eigentliche Ursache eines angeblichen Schismas „in Kopf und Herz“ sieht „Stimmen der Zeit“ im typisch „dualen“ schweizerischen System des Staatskirchenrechts, das in den meisten Kantonen gilt.

Bischöflicher Ärger

Als Beleg für „die ganze Misere des staatkirchenrechtlichen Konstrukts“ wird das Luzerner Manifest vom 28. Oktober 2006 hingestellt, worin die Kirchgemeinden ermutigt werden, Frauen und Männer in pastorale Leitungsfunktionen zu wählen, die der Gemeinde persönlich, fachlich, spirituell und sozial kompetent zu dienen vermögen. „Stimmen der Zeit“ übernimmt den ganzen Ärger des Basler Bischofs Kurt Koch. Dieser witterte hinter dem Manifest die Absicht, aus der katholischen Schweiz eine Schweizer Nationalkirche zu machen und von der Weltkirche abzuspalten.

Bestärkt wird Bischof Koch durch ein Urteil des Kantonsgerichts Basel-Landschaft. Dieses hatte sein arbeitsrechtliches Vorgehen gegen Franz Sabo, gewählter Pfarrer von Röschenz, gerügt. Der Bischof stilisierte dieses Urteil zum Exempel eines Missbrauchs des Staatskirchenrecht gegen die Weltkirche hoch. weshalb er den Fall der Päpstlichen Kurie unterbreitet hat. Implizit scheint der Bischof das Kirchenrecht höher zu gewichten als die staatliche garantierten Grundrechte.

Kennzeichnend für das Staatskirchenrecht ist in der Tat, dass die Kirche gewisse demokratische Prinzipien akzeptiert, zum Beispiel das Recht der Kirchgemeinden, ihren Pfarrer zu wählen. Es geht auch um das Geld. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Da die Kirchgemeinden die Steuerhoheit innehaben, könnten sie mit dem Geld theoretisch auch Pfarrer, Prediger, Gemeindeleiterinnen, Katechetinnen, Kommunionspenderinnen usw. anstellen, die nicht vom Bischof beauftragt sind. Allerdings anerkennt auch das Staatskirchenrecht die "Missio canonica", den Auftrag des Bischofs, als Voraussetzung des Pfarramts.

Chance für die Kirche

Man kann das duale System des Staatskirchenrechts aber als Chance für die Kirche betrachten, statt als unzulässige Einmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten. So sehen es etwa Adrian Loretan-Saladin, Professor an der Universität Luzern, und der frühere Bundesgerichts-Präsident Giusep Nay, die in der Analyse von „Stimmen der Zeit“ konsequent ignoriert werden. Desgleichen ignoriert die Zeitschrift die religionssoziologischen Erhebungen der Universität Lausanne und des Pastoralsoziologischen Instituts in Sankt Gallen, die unverzichtbare Grundlagen für den Zustand der katholischen Schweiz bereit stellen.

Gerade das Beispiel Zürich zeigt, wie wenig Sinn es macht, das duale System zu einem schismatischen Spaltpilz hochzuschreiben. Hier gelang eine Modernisierung des Verhältnisses von Kirche und Staat, an der alle relevanten politischen und kirchlichen Kräfte mitspielten, und die vorerst die Trennung von Kirche und Staat verhindert hat.

Es stimmt zwar, dass die Kirchensteuerhoheit der Kirchgemeinden einen Schönheitsfehler hat: Sie privilegiert lokale Interessen gegenüber den überregionalen kirchlichen Aufgaben. Aber immerhin sorgen die kantonalen Synoden und Zentralkommissionen sowie der Finanzausgleich für ein gewisses Gegengewicht zur Egozentrik in Pfarreien und Kirchgemeinden.

Wenn Schafe ihren Hirten wählen

Ein Dorn im Auge der „Stimmen der Zeit“ ist natürlich das Pfarrwahlrecht, das zur demokratischen Mitgift gehört, die sich der Staat im Gegenzug zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung ausbedingt. Es zwingt die Bischöfe mit den Kirchgemeinden darüber zu verhandeln, wer Pfarrer sein soll. Den Betroffenen gibt es eine, wenn auch schwache Möglichkeit der Mitsprache auf der Ebene der Pfarreien.

Mit der Pfarrwahlrecht ist freilich in der Praxis nicht allzu weit her. Die Kirche kann nur noch selten wirklich überzeugende Priester vorschlagen. Dagegen bewähren sich in vielen Pfarreien theologisch gut gebildete, oft verheiratete Theologinnen und Theologen als Seelsorger. Für eine echte Pfarrerwahl fehlt die Auswahl.

Nach all dem wundert es einen nicht, dass „Stimmen der Zeit“ die Schweiz als ein „Laienparadies“ hinstellt. Dabei mag die Tatsache mitspielen, dass sich regelmässig deutsche Priester, Diakone oder Pastoralreferenten um eine Stelle in einer Schweizer Pfarrei bewerben. Gerade deutsche Geistliche beanspruchen das angebliche Laienparadies. Oft erfolgreich. Die Anstellungsbedingungen sind meistens hervorragend, die berufliche und familiäre Zukunft gesichert. Ironischerweise ist auch der Pfarrer von Röschenz ein Deutscher!

Volkskirchliche Katholizität

Eigentlich erstaunt, dass in der katholischen Basis, wie sie sich im „Luzerner Manifest“ zu Wort gemeldet hat, noch das Anliegen einer volkskirchlichen Katholizität weiterlebt. Man könnte sich ja leicht um die Kirche foutieren. Das tut diese Basis aber nicht, wie Deklaration der Tagsatzung im Bistum Basel grad eben im Mai 2007 gezeigt hat. Weil viele in der Kirche ein Haus Gottes für die Menschen sehen möchten, wehren sie sich, in den Konkon einer Kirchenrechts- und Katechismus-Katholizität gehüllt zu werden, was dann als katholische Identität reklamiert würde. Es ist nicht zu übersehen, dass manche Prälaten den Eindruck erwecken, sie hätten sich von der universalen Idee einer katholischen Kirche verabschiedet, und verbarrikadierten sich in einer selbstgenügsamen Geistlichenkirche. Katholizität ist aber ist ohne Pluralität nicht zu haben.

So betrachtet, ist es schlechter Stil, basiskirchliche Bestrebungen als schismatische Alleingänge diffamieren, nun auch noch von München her. Es nützt lediglich denen, die vom Marignano des Ersten Vatikanums noch nicht heimgekehrt sind. In der Realität des Schweizer Katholizismus geht schlicht darum, wie wir Schweizer Katholiken vor Ort, im Sinn und in der Dynamik des Zweiten Vatikanums, heute Kirche leben können.

Alles in allem halte ich, auch als früherer Berufsjournalist, die Analyse von „Stimmen der Zeit“ für schlecht recherchiert und tendenziös, wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Warum sich darüber aufhalten?

Ärgerlich ist es eben, weil wir ja einen Bayern und ehemaligen Erzbischof von München und Freising zum Papst haben. „Stimmen der Zeit“ dürften vermutlich in Rom aufmerksam gelesen werden. Man kann sich leicht ausrechnen, gegen welches Image die Schweizer Bischöfe bei ihrem nächsten ad-limina-Besuch in Rom werden anreden müssen. Und mit welcher Botschaft sie zurückkehren werden! Bischof Kurt Koch wird sich freilich in seiner Überzeugung bestärkt fühlen.

Fritz P. Schaller


>>> Zurück zur Homepage

>>> Zum Seitenanfang

Symbol I

Hand berührt Mammuth

Bild aus der Grotte Chauvet, Südfrankreich, rund 30 000 Jahre alt - ein frühes Gespür für Transzendenz.

Symbol II

Mann, Frau, Gott


Bild von Ferdinand Gehr - das Göttliche,
Ansicht eines Unsichtbaren.