Die Story dahinterJedoch: Was wäre das Atelier ohne die Story dahinter? Die Geschichte beginnt mit der Rekrutenschule im Jahre 1960. Ich war damals 20jährig, hatte gerade die Matura, das Abitur, bestanden und durchlief auf dem Tessiner Monte Ceneri meine Rekrutenschule als Artillerie-Kanonier. Eines Nachts schob ich mit vier Kameraden Wache am Haupteingang der Kaserne. Als Gruppenchef musste ich die Kameraden einteilen; ein jeder sollte zwei Stunden am Stück Wache stehen. Die übrige Zeit schlief man auf den Pritschen in der Wachthütte. Ausgenommen der Gruppenchef. Dieser musste im Büro wach bleiben. In jener Nacht las ich "La philosophie de l'histoire", ein Buch des französischen Philosophen Jacques Maritain über Philosophie der Geschichte. Das Thema faszinierte mich. Wie kannst du begreifen, was die Geschichte antreibt? Hat die Geschichte ein Ziel, einen Sinn? Wenn ja, welchen? Solche Fragen bewegten mich.  | 1960 Monte Ceneri Jacques Maritain, Kanone, der Sinn der Geschichte Rekrut Schaller der dritte von links, bei der Arbeit an einer schweren Kanone unter dem Tarnzelt. |
Plötzlich tritt Kamerad Tschirky, der am Kasernentor Wache steht, in das Büro, ganz verdattert. "Schaller, hier ist jemand. Es knistert im Gebüsch" sagt er, "ich weiss nicht von was." Ich trete mit Tschirky vor das Wachtlokal. Wir verhalten uns völlig still, die scharf geladenen Karabiner im Anschlag. Bei unseren Übungen hatten wir jeweils einen Angriff des kommunistischen China angenommen. Unsere Offiziere glaubten, chinesische Heere könnten massenweise von Italien her gegen den Gotthard stürmen, um die Alpen einzunehmen. Jetzt aber herrscht Totenstille. Kamerad Tschirky setzt die Wache fort. Nach wenigen Minuten tritt er, womöglich noch verstörter, herein. Erneut ein Geräusch. Wir treten wiederum hinaus. Aber nichts bewegt sich. "Tschirky", sage ich, "vielleicht steckt ein Igel im Unterholz. Deswegen musst du doch nicht in die Hose scheissen!" Ich wusste selber nicht, ob meine banale Erklärung für das Geräusch stimmte. Aber damals glaubte ich zu begreifen, wie Wahn entsteht. Wahrscheinlich war der chinesische Angriff nichts anderes als eine Wahnvorstellung der Führung von Armee und Politik. Ob Kamerad Tschirky, die Offiziere, oder jeder Andere von uns: Wir erschrecken ob eines Phänomens, oft eines banalen, das wir nicht verstehen und reagieren mit Angst. Die Phantasie galoppiert mit unserer Vernunft davon. Und schon hat sich das Geräusch eines Igels zum Signal einer akuten Bedrohung entwickelt. Die Lektüre von Maritain führte mich auf die Spur: Wahn bestimmt weithin den Gang der Geschichte. Ob religiöser oder politischer Wahn. Typisch menschlich! Nach der Rekrutenschule trat ich dem katholischen Orden der Salvatorianer bei, der "Societas Divini Salvatoris" SDS, um Theologie zu studieren. Die Salvatorianer führten damals in Passau, Niederbayern, ein internationales Studienhaus, das Salvatorkolleg auf dem Klosterberg, das mit schwäbischen, preussischen, belgischen und auch italienischen Studenten belegt war. Von meinem Zimmer aus hatte ich einen fantastischen Ausblick auf die einzigartig gebaute Stadt am Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz. Wir Studenten besuchten die Philosophisch-theologische Hochschule, heute Universität Passau. Einige der Professoren prägten mein Denken: Etwa der grossartige Max Seckler, Fundamentaltheologe, der später in Tübingen gelehrt hat. Er leitete mich an, in das Denken französischer Philosophen einzutauchen, um es von innen her zu verstehen. Noch heute befasse ich mich mit der Lehre vom Elan vital von Henri Bergson. Von Seckler lernte ich hermeneutisches Denken, das Prinzip, bei allem über sein eigenes Vorverständnis nachzudenken und Aussagen von andern von ihren eigenen Vorverständnis her zu begreifen. Josef Blinzler, der Neutestamentler, lehrte uns, die biblischen Texte undogmatisch von ihrem "Sitz im Leben" her zu interpretieren. Er schrieb den "Prozess Jesu", eine ungemein genaue Analyse der Vorgänge, die zur Kreuzigung von Jesus von Nazareth geführt hatten. Alois Winklhofer, Autor vieler gescheiter Bücher, war ein undogmatischer Dogmatiker. Als ein Kenner der damals zeitgenössischen deutschen Literatur verfolgte und erschnüffelte er wie ein Jagdhund die Spur der Religion bei deutschsprachigen Autoren, etwa bei Heinrich Böll. Ich will nicht alle Lehrer aufzählen. Nur Georg Teichtweier erwähne ich noch, den Moraltheologen. Dank ihm habe ich damals "Männer im Laufgitter" von Iris von Roten gelesen und Simone de Beauvoir "Das andere Geschlechts", zwei der damals führenden Autorinnen der weiblichen Emanzipation. Teichtweier hat uns Theologen empfohlen, Ingmar Bergmans "Schweigen" im Kino anzusehen. Moraltheologie bedeutete für den Professor konkreten Dialog mit den Fragen der Zeit. Die Wurzeln des Atelier für Theologie wären nicht hinreichend beschrieben ohne die indirekten Einflüsse wichtiger Autoren: Etwa die "Theologie der Hoffnung" von Jürgen Moltmann, oder auch "Politische Theologie" des Johann Baptist Metz , oder Kurt Frörs "Biblische Hermeneutik", stellvertretend für viele. Nach Diplomabschluss und Priesterweihe setzte ich mein Studium an der Universität Freiburg/Schweiz fort. Damals war die Theologische Fakultät noch vorwiegend mit Professoren aus dem Dominikaner-Orden besetzt. Die Theologie des Thomas von Aquin, der genialen Theologen des Mittelalters, in Passau nur von marginaler Bedeutung, war in Freiburg zentral. Das hinderte jedoch die besten Denker nicht, Grenzen zu überschreiten. Ich erwähne C.J. Pinto de Oliveira, der mit seiner Arbeit über "information et propagande. Responsabilités chrétiennes" für meine Doktoratsarbeit wichtig wurde. Unter Führung des Pastoraltheologen Alois Müller, und mitbetreut von Medienwissenschaftler der Universität Zürich, Christian Padrutt, versuchte ich damals christliche Pressearbeit einerseits in den Kontext der neuen Kirchentheologie des Zweiten Vatikanischen Konzils zu stellen, anderseits in den Kontext moderner Theorien der Massenkommunikation. Die Freiburger Studienzeit war auch kirchenpolitisch spannend. Der damalige Freiburger Bischof Pierre Mamie und die vatikanische Kirchenhierarchie betrieben eine Kampagne gegen den Moraltheologen Stephanus Pfürtner, dessen Thesen zur Sexualethik das Kirchenestablishment schockierten. Wir Studenten führten Strassendemos für Pfürtner und gegen die hierarchischen Machenschaften durch. Pfürtner war schliesslich gezwungen, den Lehrstuhl zu verlassen. Er fand danach an der Universität Marburg, Deutschland, ein neues Wirkungsfeld. Othmar Keel, der Alttestamentler, war einer der ersten Nicht-Priester auf einem theologischen Lehrstuhl. Kurz nach dem israelisch-arabischen Sechs-Tagekrieg führte Keel eine Gruppe Theologen auf eine vierwöchige biblische Studienreise nach Palästina. Von diesem leidenschaftlichen Spurensucher lernte ich, was archäologische Forschung für das Verständnis des Alten Orients leisten kann: Entscheidendes. Rein auf die Bibel gestützt und ohne archäologische Kenntnisse wüssten wir kaum, dass die Figur des Mose, der die Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft befreit haben soll, nicht als eine historische Figur im modernen Sinne angesehen werden kann, sondern als ein mythische Heldenfigur. |