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"Es ist mir wirklich klar, dass die westliche oder die jüdisch-christliche Idee von Gott das ist, was man in der Philosophie einen Kategorienfehler nennt. Gott wird vorgestellt als Mensch". (Joseph Weizenbaum,1923-2008).
Schweizer Demokratie für Europäer:
Ein Trugschluss
von Fritz P. Schaller
Kürzlich hat mich eine Bekannte aus Deutschland gefragt: "Wie ertragen
Sie es, dass Volks-Initiativen wie die Minarettverbots-Initiative oder
die automatische Ausschaffung von kriminellen Ausländern in der Schweiz
soviel Zustimmung finden konnten?" Eine gute Frage!Ist da jemand in
Europa, der das verstehen kann?
Erklären und Verstehen sind zwei Dinge.
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Dezember 2010. Satte Mehrheiten von stimmberechtigten Bürgern verlangten und setzten durch:
> Dass verurteilte kriminelle Ausländer automatisch in das Land ihrer Herkunft zurückgeschafft werden sollen. Rücksichtnahme auf individuelle, familiäre, soziale oder politische Verhältnisse ist nicht zulässig.
> Dass der Bau von Minaretten verboten ist, unabhängig davon, wo sie stehen sollen, welche muslimische Gemeinschaft ein Minarett errichten möchte, woher das Geld dafür kommt. Und natürlich unabhängig davon, ob es Muslime aus Bosnien oder Saudiarabien sind oder ob es sich um Sufis oder Dshihad-Prediger handelt. Das Verbot gilt absolut. So ist nun mal der Wille der Schweizer Stimmbürger.
> Dass verurteilte und als nicht therapierbar eingestufte Sexual- oder Gewaltverbrecher nach Verbüssung der Strafe lebenslänglich verwahrt bleiben müssen, unabhängig davon, ob sich die Persönlichkeit des Verwahrten entwickelt und wandelt, oder ob sie alt und krank und vielleicht als ungefährlich neu beurteilt werden könnte. Keine Gnade! So ist nun mal der Wille des Schweizer Souveräns.
Die verlorene Ehre
Wer kann das verstehen? Wer hätte
solches von einer Musterdemokratie erwartet, als die die Schweiz
weitherum angesehen wird? Sich selbst sieht die Schweiz gerne als
Lehrmeisterin, die den andern Europäern vormacht, was die Beteiligung
der Bürger an den politischen Entscheidungen sein soll. Ist sie wirklich
Vorbild?
Zwar ist es richtig, dass das System
der direkten Demokratie von der Gemeinde über den Kanton bis zum Bund
ein Höchstmass an Mitsprache und Mitwirken in öffentlichen
Angelegenheiten gewährleistet. Das ist natürlich wünschenswert.
Die addierten Widersprüche
Die direkte Demokratie führt aber in
manchen Fällen zu Entscheiden, welche den tragenden Prinzipien krass
widersprechen, auf denen sie selber fusst: Freiheit, Rechtsgleichheit,
Gleichbehandlung, Solidarität, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und
was der Grundrechte mehr sind.
Bereits auf der Gemeindeebene lassen
sich leicht Mehrheiten für einen steuerkräftigen Ausländer oder
Unternehmer finden, der in einer Landschaftsschutz-Zone bauen will. Es
wird einfach per direkt demokratischen Mehrheitsentscheid "umgezont".
Auch das Gegenteil kommt vor: Ein
happiges Stück vom letzten grossen Weinberg in meiner Gemeinde ist vor
Jahren als Baulandreserve bestimmt worden. Inzwischen hat sich aber das
Gefühl für die Umwelt geschärft. Viele begannen zu bedauern, dass nun im
Weinberg gebaut werden dürfe.
Deshalb kam eine Bürgerinitiative
zustande, um den Weinberg intakt zu halten. In der Gemeindeversammlung
scheiterte die Initiative. Aus einem schlichten Grund. Die "Rückzonung"
hätte die Gemeinde eine horrende Entschädigung an die Eigentümer
gekostet. So kommt es, dass leicht durchschaubare egoistische private
und finanzielle Interessen direktdemokratisch abgesegnet werden können.
Man muss bloss die Interessen gegeneinander ausspielen. Erklären lässt
sich leicht, verstehen ist schwieriger!
Erklären und Verstehen
Mehrheitsentscheide wie das Volksmehr
für die Antiminarettinitiative lassen sich erklären, aber nicht
verstehen. Sie widersprechen einem zeitgenössischen,
universal-menschlichen, zivilen Rechtsempfinden, wie es in
Menschenrechts-, Grundrechts- und Völkerrechtserklärungen
festgeschrieben ist. Es ist daher leicht verständlich, dass andere
europäische Demokraten am Schweizer Modell zu zweifeln beginnen. Der
Mythos des direktdemokratischen Volkswillens und die demokratische
Realität sind zwei verschiedene Dinge.
Eine zivilisierte Demokratie stellt
weder Einzelpersonen noch politische oder religiöse Minderheiten unter
Pauschalverdacht und Pauschalverurteilung. Sie nimmt sich die Mühe,
jeden einzelnen Fall abwägend im Rahmen der von Verfassung und
Rechtsordnung gesetzten Regeln zu beurteilen. Desgleichen hütet sie sich
vor Lockprivilegien für reiche Steuerzahler, Geldanleger, Investoren.
Diese können leicht die elementaren Prinzipien der Gleichheit und
Solidarität verletzen, indem sie Standortvorteile gegeneinander
ausspielen. Oft zulasten eines fairen Wettbewerbs.
Wenn der Kompass versagt
Hat die direkte Schweizer Demokratie
hat ihren Kompass verloren? Die Schweiz kennt Instanz, welche die
Kompatibilität von Gesetzesvorlagen und Initiativen mit Menschen- und
Grundrechten sowie mit der Verfassung politisch unabhängig überprüfen
kann. Die Schweiz hat keine Verfassungsgerichtsbarkeit, es sei denn die
Klagemöglichkeit vor dem Europäischen Gerichtshof in Strassburg, also
vor den von den Patrioten verpönten „fremden Richtern“.
Wo kein Kompass ist, kann er auch
nicht versagen.
Normalerweise erwarten Demokraten von
ihren gewählten Parlamentariern, dass sie sich dem Gemeinwohl
verpflichten, das heisst weitsichtiger, klüger und unabhängiger denken
und entscheiden als die Interessenvertreter, die Lobbyisten, die Werber
und Public-Relations-Manager oder auch die Quotenjäger der
Boulevardmedien.
In der direktdemokratischen Schweiz
verhält es sich anders: Ein Volk, das immer das letzte Wort hat, kann
die klügste Politik desavouieren. Wen wundert es, dass die direkte
Demokratie antielitäre und antiintellektuelle Stimmungen erzeugt, in
deren Sog sogar gewählte Parlamentarier geraten können. Gewisse
verhöhnen die "Classe politique", der sie selber angehören, im Namen des
"Volkes".
So kommt es, dass in der direkten
Schweizer Demokratie eine in sich widersprüchliche Mehrheit über
Minderheiten bestimmen kann. Die Mehrheit, zum mythischen "Volkswillen"
stilisiert, kann mithin souverän und skrupellos bestimmen, was gelten
muss. Die Macht des Volkswillens besteht aber in der Vereinfachung und
Verallgemeinerung, ähnlich wie die Macht der Boulevard-Medien aus den
Schlagzeilen kommt. Der Begriff „Demokratie“ ist hingegen in sich selbst
ein differenzierender, pluralistischer, der ja gerade der Mythisierung
des Volkswillen widerspricht.
"Deus lo vult"
Mit dem Slogan "Deus lo vult" zogen
die Kreuzritter im Hochmittelalter in den Heiligen Krieg gegen den
Islam. Unter dem gleichen Motto vernichteten und plünderten die
spanischen Eroberer die mittel- und südamerikanischen Hochkulturen. Mit
dem Slogan "Das Volk will es" mobilisierten Islamgegner einen heiligen
christlichen Zorn gegen den Bau von Minaretten. So als ob wir immer noch
unter der theokratischen Gesellschaftsordnung des Mittelalters lebten.
Was aber ist das, der "Volkszorn",
unter demokratischen Verhältnissen?
Genau betrachtet, entstehen
direktdemokratische Stimmenmehrheiten bei Initiativen und Referenden
gegen Gesetze aus einem Konglomerat von widersprüchlichen Meinungen,
Motiven, Emotionen, Interessen, partei-politischem Kalkül und einer
unterhaltungsindustriell aufbereiteten Tagesaktualität, Infotainment
genannt.
In diesem Konglomerat neutralisieren
sich die widersprüchlichen Elemente nicht. Sie addieren sich vielmehr
zur Stimme des "Volkes". Die Parlamentarier, die eigentlich berufen
wären, allseitig gerecht, lösungsorientiert und pragmatisch zu handeln,
sind demgegenüber machtlos, da sie allemal vom "Volkswillen" desavouiert
werden können. Der "Volkswille" kann ihre besten politischen Kompromisse
verschmähen.
Die Macht eines Mythos ...
Der Trugschluss ist aber, dass solche
Mehrheiten als souveräne Willensakte einer willenstarken Nation
verstanden werden sollen. Eine heterogen zusammengesetzte
Stimmenmehrheit taugt aber nicht als Subjekt eines homogenen Willens.
Sie ist gar kein Subjekt. Wie sollte unter diesen Umständen aus einer
zersplitterten Mehrheit von Ja- oder Nein Stimmen, ein kluger, stimmiger
Volkswille abgeleitet werden? Wer kann das verstehen?
Genau betrachtet, erweisen sich
"Volk", "Souveränität", "Volkswille" als Mythen, als "Grosserzählungen",
die aus uralten Zeiten stammen können, aber auf die moderne Wirklichkeit
nicht ungeprüft zutreffen. Die Macht der direkten Demokratie ist die
Macht seiner Mythen. Mythen vereinfachen, verallgemeinern die
differenzierte, konkrete, mühsame Wirklichkeit.
… und seiner Prediger
Die Macht der Mythen-Prediger liegt
darum nicht in ihren Argumenten, nicht in ihrer Vernunft, nicht in ihrer
Volksnähe. Sie liegt in ihrem mythischen Bekenntnis zu Gott und Heimat,
Volk und Vaterland. Diese Lektion hat Pfarrerssohn Christoph Blocher,
der wohl bekannteste Schweizer Volkstribun, der Gründer und massgebende
Mentor der "Schweizerischen Volkspartei" (SVP), wohl schon mit der
Muttermilch mitbekommen.
Das Ansehen der direkten Schweizer
Demokratie als die beste in Europa und weltweit beruht auf einem
brüchigen Mythos. Es stimmt zwar, dass die Schweizer Demokratie ihren
Bürgern ein Höchstmass an Mitsprache und Mitbestimmung, sowie direkte
Regierungs- und Parlamentskontrolle einräumt, sowohl auf der Ebene der
Bürgergemeinden, der Kantone als auch des Bundes.
Dass aber die Schweizer Mehrheiten
vernünftiger, klüger, weitsichtiger entscheiden, ist nicht garantiert.
Auch direktdemokratische Mehrheiten können destruktiv wirken, ungerecht,
kurzfristig manipuliert von Meinungsmachern. In dieser Hinsicht sind die
Mehrheiten für die Ausschaffungsinitiative, die Anti-Minarettinitiative,
die Verwahrungsinitiative usw. bezeichnende Beispiele.
Ein Halali gegen Europa
Bereits blasen die Hohenpriester des
Volkswillens zum Halali gegen weitere "Preisgaben der Souveränität",
obschon diese noch gar nicht im Gespräch sind. Angekündigt sind neue
Initiativen und Referenden. So etwa will etwa die Blochersche SVP
allfällige Beitrittsgespräche mit der Europäischen Union per
Bundesverfassung ein für allemal verbieten. Bereits präventiv. Sogar die
Schweizer Mitgliedschaft im Schengenraum und die Freizügigkeitsabkommen
mit der EU sollen widerrufen werden.
Und niemand wagt es, den Anschluss des
Schweizer Frankens an den Euro nur schon zu erwägen. Schweizer haben,
wahrscheinlich für ewig, sowieso die stabilste und stärkste Währung der
Welt. Dank ihrer direkt demokratischen Volksbasis. Was für ein Mythos!
Niemand kann ausschliessen, dass sich die
widersprüchlichsten Interessen erneut zu Mehrheiten addieren. So wie es
sich bei der Abstimmung über den Beitritt zum Europäischen
Wirtschaftsraum EWR verhielt. Schon damals wollten die von Christoph
Blocher angeführten Gegner vom EWR gar nichts wissen, und schon gar
nichts von "fremden Richtern", einem weiteren Mythos.
Paradoxerweise stimmten damals, 1992,
auch Befürworter eine EU-Beitrittsw gegen den EWR, weil es im EWR keine
direkte Mitentscheidung in EU-Gremien gab. Sie schielten auf die Taube
auf dem Dach und verschmähten den Spatz in der Hand. Die Koalition der
Widersprüche addierte sich zum Bankrott des EWR-Projekts.
Wie die Hohen Priester und Propheten des
"Volkswillens" ihren Mythenkult gegenüber ihrer
Heimat und ihren Bürgern verantworten können, lässt sich erklären, aber
nicht objektiv verstehen. Wenn Demokraten ein Konglomerat von Meinungen
zum Mythos hinauf stilisieren, sägen sie objektiv am Ast, auf dem sie
selber sitzen.
Wie ich das persönlich erfahre? So fragte die Deutsche.
Meine Antwort:
Ich bin besorgt. Die direkte Schweizer Demokratie droht an ihren
Mythen zu scheitern. Dies müsste die Europäer misstrauisch machen:
Der Zweck der Europäischen Union ist ja gerade, nationalistische
Mythen zu überwinden, und nationale Souveränitätsansprüche zum
Vorteil aller gemeinsam zu moderieren.
Auch im scheinbaren Musterland der Demokratie bedeuten direktdemokratische Mehrheiten nicht unbedingt Klugheit und Menschlichkeit. Mehrheiten bestimmen, ja, aber gute, gerechtere Verhältnisse schaffen sie nicht ohne Demut, Rücksicht und Solidarität, nicht ohne Rückbindung an die Prinzipien der Menschlichkeit des Menschen.
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